Die Tatzen im Land der aufgehenden Sonne

06. März 2026: Die Logistik des Aufbruchs oder: Warum Pünktlichkeit verdächtig ist

Man packt mich nicht. Man bettet mich ein. Auf dieser elementaren Unterscheidung bestehe ich seit meiner Indienststellung als Reise- und Expeditionsbär mit Nachdruck. Unplüschige stopfen ihre Gepäckstücke meist mit roher Zweckmäßigkeit. Sie pressen Wollsocken in derbe Wanderschuhe und wickeln starre Ladekabel um bauchige Thermoskannen. Bei meiner Person verbietet sich eine derartige Behandlung. Mein Plüsch besitzt Feingefühl, meine Füllwatte verfügt über ein ausgeprägtes Formgedächtnis, und meine schwarze Nase reagiert äußerst gereizt auf das Aroma klammer Regenjacken.

Mein Unplüschiger verstand den stummen Ernst meiner Knopfaugen sofort. Das vertraute, metallische Zischen der großen Kofferreißverschlüsse erklang im Flur. Gleich darauf hoben mich seine Hände behutsam auf eine weiche Lage Fleece im Inneren des Tagesrucksacks. Die Höhe stimmte auf den Millimeter. Meine Schnauze berührte die obere Textilkante, während die Ohren den unabdingbaren akustischen Kontakt zur Außenwelt wahrten. Zwei Daumenbreit blieb der Verschluss offen. Ein Bär reist niemals im Dunkeln. Ein Bär verlangt lückenloses Situationsbewusstsein.

Über den Straßen von Chemnitz hing an diesem Morgen ein fahler, feuchtkalter Märzhimmel. Solches Wetter macht das Fell rasch klamm, sofern man ungeschützt im Freien ausharrt. Wir jedoch hielten uns nicht mit Warten auf. Unsere Fahrkarte enthielt jene segensreiche Klausel, die den Beginn der großen Fernreise direkt an der heimatlichen Straßenbahnhaltestelle gestattete. Fest an den Brustkorb meines Trägers gedrückt, schwebte ich durch die Haustür hinaus in die kühle Morgenluft.

Wenige Schritte führten uns über das feuchte Pflaster bis zur Haltestelle. Dort geschah das erste Wunder des Tages, welches mich augenblicklich mit tiefer Skepsis erfüllte. Die Straßenbahn erschien pünktlich. Sie schlich nicht zwei Minuten zu spät heran, sie schob keine dubiosen Signalstörungen vor. Exakt auf die Sekunde glitt der Triebwagen an die Bordsteinkante. Die Türen zischten auseinander, und wir traten ein. Wer das Wesen mitteleuropäischer Verkehrsinfrastruktur eingehend studiert hat, durchschaut dieses Manöver sofort. Perfekte Verlässlichkeit am ersten Glied einer Reisekette ist hochgradig verdächtig. Sie wiegt den Ahnungslosen in trügerischer Sicherheit, nur um ihn später auf freier Strecke umso grausamer zu verhöhnen.

Die Bahn trug uns durch das erwachende Stadtgebiet bis zum Chemnitzer Hauptbahnhof. Wir verließen den Wagen, durchquerten die zugige Querbahnsteighalle und stiegen direkt in den wartenden Regionalzug nach Leipzig. Kaum rollten die Räder an, wichen die grauen Häuserzeilen den sächsischen Hügeln. Draußen zogen weite Felder vorbei, gefangen im zähen Übergang zwischen starrer Winterruhe und zaghaftem Frühling. Mein Unplüschiger prüfte konzentriert die Anzeigen auf seinem Bildschirm. Ich hingegen kontrollierte den Rucksackrand. Der Fahrplan hielt stand.

Schließlich schob sich unser Zug unter das gewaltige Dach des Leipziger Hauptbahnhofs. In diesem Monument aus hellem Sandstein, preußischem Maßstab und sächsischem Eigensinn stiegen wir auf den breiten Querbahnsteig hinab. Die Schritte meines Trägers hallten unter dem hohen Gewölbe wider, als wir zielstrebig Gleis 24 ansteuerten. Dort stand er: der „Fliegende Leipziger“. Mein Unplüschiger hielt inne und verharrte in andächtigem Schweigen. Selbst meine Wenigkeit ließ die Plüschohren ehrfürchtig nach vorn schnellen. Vor uns ruhte ein zweiteiliger dieselelektrischer Schnelltriebwagen der Bauart Leipzig aus den 1930er-Jahren. Stromlinienförmig und gestreckt präsentierte sich die Karosserie, lackiert in tiefem Dunkelrot und edlem Creme. Dieses Fahrzeug atmete den Glanz einer Epoche, in der Geschwindigkeit noch ein ästhetisches Versprechen darstellte. Mit beachtlichen 160 Kilometern pro Stunde war dieses elegante Geschoss einst über die Schienen gerast.

„Für normale Leute damals unbezahlbar“, murmelte mein Unplüschiger leise.

Ich nickte im Verborgenen. Wahre Exklusivität zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie nicht für jedermann bestimmt ist. Diesen elitären Gedanken hegte ich im Übrigen auch hinsichtlich meiner eigenen Logenposition im Rucksack.

Wir lösten uns von dem historischen Glanzstück und wechselten das Gleis. Wenig später rollte unser modernes Äquivalent an die Kante: ein weißer ICE 4 auf seinem langen Weg von Berlin-Gesundbrunnen hinab nach München. Wir wanderten am endlosen Zugverband entlang bis zum Wagen 10. Dass unser Sitzplatz unmittelbar an das Bordrestaurant grenzte, wertete ich als taktischen Triumph ersten Ranges. Sollte die Fahrt unvorhergesehene Verzögerungen erleiden, lagerten wir direkt an der Quelle der Kalorien. Durch die gläserne Verbindungstür wehte zwar eher der Dunst von aufgewärmter Gulaschsuppe und heißem Kaffeepulver herüber als das edle Bukett von frischem Ostseehering, doch die strategische Nähe beruhigte mein Gemüt ungemein.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Fahrt durch Thüringen und Hessen verstrich in jenem eigentümlichen Schwebezustand, den moderne Hochgeschwindigkeitszüge erzeugen. Draußen verlor die Landschaft ihre Konturen. Sie verschmolz zu breiten Bändern aus dunklem Ackerbraun, dichtem Waldgrün und grauem Beton. Mein Unplüschiger las, tippte auf seinem Telefon herum und überwachte die kommenden Umsteigezeiten. Ich nutzte die monotone Vibration der Drehgestelle für ein ausgedehntes Vormittagsdösen. Wird einem Bären kein Spektakel geboten, spart er konsequent Energie. Das ist schlichtes evolutionäres Erbe.

Pünktlich – schon wieder dieses unheimliche Phänomen – glitten wir in die gewaltige Beton- und Stahlkathedrale des Frankfurter Hauptbahnhofs ein. Beim Aussteigen bot sich uns jedoch eine Szenerie wie aus einem Endzeitfilm. Die sonst so hektischen Gleise lagen seltsam verwaist da, die breiten Bahnsteige wirkten wie leergefegt, weit und breit zeigten sich kaum Züge. Es glich einem riesigen Kopfbahnhof im tiefen Winterschlaf, in dem vereinzelte Lokführer bedächtig die Führerstände wechseln mussten, um ihre Garnituren wieder ans Tageslicht zu ziehen.

Wir hielten uns in dieser geisterhaften Stille nicht auf. Rolltreppen trugen uns tief hinab in den Untergrund, dorthin, wo die S-Bahnen mit schrillem Quietschen durch die Röhren pendeln. Die kurze Fahrt zum Flughafen war reine Routine. Als wir wieder ans Licht stiegen, wichen die städtischen Häuserzeilen rasch den gigantischen Logistikzentren, den grauen Frachthallen und schließlich den spiegelnden Glasfassaden des Terminals.

Unser nahegelegenes Flughafenhotel war im Handumdrehen bezogen. Die schweren Koffer blieben im Zimmer zurück, während uns die pure Neugier sogleich wieder hinaustrieb. Wir schlenderten hinüber zum Terminal 2. Direkt vor dem Gebäude präsentierte sich eine stolze, frisch asphaltierte und bis ins letzte Detail fertiggestellte Bushaltestelle.

Mein Unplüschiger lachte trocken auf: „Genau rechtzeitig fertig. Wo das ganze Terminal doch am 24. April dichtgemacht wird.“

Ich schüttelte im Rucksack unsichtbar den Kopf. Menschliche Bauplanung bleibt ein tiefes Mysterium, das sich selbst mit fundierten Kenntnissen der höheren Bärenphilosophie nicht ergründen lässt.

Vom heißen Asphalt vor der Tür zog es uns hinauf unter das Hallendach, wo die eigentliche Sensation des Nachmittags wartete: Die Skybahn fuhr wieder! Lautlos und flink pendelte sie auf ihrer Hochtrasse über dem Gelände. Mehr noch: Einzelne Züge tasteten sich auf den Gleisen bereits hinüber zum noch im Bau befindlichen Terminal 3, allerdings völlig ohne Passagiere als reine Geisterbahn im Testbetrieb. Wir hingegen kletterten in einen regulären Wagen für den Publikumsverkehr. Mein Unplüschiger trug mich direkt an die vorderste Panoramascheibe. Links neben uns lag die alte Trasse, rechts glänzte der frische Beton des Neubaus. Im Wageninneren fiel sofort eine gravierende Neuerung ins Auge. Es gab so gut wie keine Sitze mehr. Der gesamte Raum war kompromisslos auf Stehplätze und maximalen Personendurchsatz optimiert. Die Mitreisenden krallten sich an kühlen Metallstangen fest, während die Kabine mit beachtlicher Beschleunigung über die Weichen ruckte.

Ein Lokführer saß hier vorn freilich nicht. Das Gefährt wurde von Geisterhand gelenkt. Gummibereifte Räder rollten auf glatten Betonfahrbahnen, geführt von einer massiven Stahlschiene in der Mitte. Vollautomatisch gesteuert beschleunigte das System auf bis zu 70 Kilometer pro Stunde. Durch das Glas betrachtete ich aufmerksam die dunklen Spurrillen auf der Fahrbahn. Technik, die reibungslos funktioniert, nötigt mir durchaus Respekt ab – wenngleich ein weich gepolsterter Sessel diesem Transportmittel gutgetan hätte.

An der Endstation stiegen wir aus und tauchten in das riesige Terminal A ein. Dort erlebten wir den vorläufigen Höhepunkt der Entseelung moderner Reisen. Früher herrschte in diesen Hallen zur Hauptverkehrszeit ein farbenfrohes, wenngleich anstrengendes Chaos: gestresste Familien, schwitzende Schalterbeamte, unübersehbare Berge von Koffern sowie der verheißungsvolle Duft von Kerosin und großem Aufbruch. Heute empfing uns gähnende Weite. Nahezu alle traditionellen Abfertigungsschalter waren vom Erdboden verschwunden. An ihrer Stelle erstreckten sich endlose Fluchten grauer Automaten. Gepäckscanner, Ticketdrucker und Barcodeleser reihten sich kalt, steril und abweisend aneinander.

„Kostenreduzierung um jeden Preis“, murmelte mein Träger mit dem Blick auf die flimmernden Bildschirme. „Aber vielleicht wollen wir Unplüschigen das ja genau so?“

Ich brummte leise in mein Brustfell. Ein Automat spendet keinem verirrten Koffer Trost. Ein Blechkasten lächelt nicht. Mir sollte diese Entwicklung jedoch recht sein, solange keine dieser Maschinen auf die absurde Idee verfiel, meine Wenigkeit vor dem Abflug nach Übersee abzuwiegen.

Diese unterkühlte Maschinenwelt machte hungrig auf Bodenständiges, und so schloss unser Abend denkbar profan. Für das leibliche Wohl meines Trägers sorgte ein kurzer Abstecher zum goldenen M. Gesättigt kehrten wir durch die Abenddämmerung in unser Hotelzimmer zurück. Beim Zuziehen der Vorhänge fiel der Blick aus dem Fenster noch auf das gegenüberliegende Bürogebäude. Das altbekannte Schenker-Logo an der Fassade war verschwunden. Stattdessen prangte dort nun stolz der leuchtende Schriftzug von Condor. Bei manchen Fluggesellschaften sitzt das Geld offenbar noch locker – oder der gestreifte Marabu hatte eine ordentliche Mitgift im Schnabel herbeigeschafft. Ich kletterte aus dem Rucksack und kuschelte mich tief in das weiße Kopfkissen des Hotelbettes.

07. & 08. März 2026: Die Krümmung der Erde, Hongkongs Himmel und die Ankunft im fremden Reich

Der siebte März dämmerte mit einem strahlenden, schneidend klaren Sonnenlicht herauf, das selbst den verstaubten Hotelteppichen einen Hauch von Eleganz verlieh. Nach einem raschen Frühstück wurden die Koffer endgültig verschlossen, und mein Unplüschiger trug mich hinüber zum Terminal 2.

In der Abflughalle offenbarte sich das deutsche Abfertigungswesen von einer neuen, äußerst experimentellen Seite. Zuerst gab man die schweren Koffer ab, passierte anschließend die Ausreisekontrolle der Grenzpolizei und trat erst ganz zum Schluss an die Bänder der Sicherheitsüberprüfung. Diese ungewohnte Reihenfolge brachte selbst routinierte Vielflieger kurzzeitig aus dem Konzept. Damit war die bürokratische Gründlichkeit jedoch längst nicht erschöpft. Direkt am Flugsteig bat die Gesellschaft Cathay Pacific sämtliche Passagiere nochmals zur manuellen Nachkontrolle des Handgepäcks. Sicherheit ist zweifellos ein hohes Gut. Als der Beamte jedoch den Reißverschluss meines Rucksacks aufzog und mich musterte, funkelte ich ihn aus meinen dunklen Knopfaugen derart hoheitsvoll an, dass er seine Finger augenblicklich von meinem Plüsch zurückzog. Man tastet einen gedienten Expeditionsbären nicht ab. Man zollt ihm Respekt.

Hinter der hohen Glasfront des Flugsteigs wartete bereits unser Langstreckengefährt: eine mächtige Boeing der Cathay Pacific. Das Flugzeug stand dort draußen bereits seit 7:05 Uhr morgens auf dem Vorfeld, obgleich der Abflug erst für 12:15 Uhr angesetzt war. Mehr als fünf Stunden Standzeit für ein solches Großraumflugzeug an einem teuren Drehkreuz wie Frankfurt – diesen Luxus muss man sich als Fluglinie leisten können und wollen.

Um die verbleibende Wartezeit am Gate sinnvoll zu überbrücken, griff mein Unplüschiger an einem Ständer ein kostenloses Exemplar der New York Times ab. Er ließ sich auf einem der Wartesitze nieder und vertiefte sich in die großen Papierbögen, um für den Flug intellektuell gerüstet zu sein. Ich lugte neugierig über die raschelnde Kante. Die Spalten berichteten von lauter Unruhe in der Welt. Es waren ausnahmslos Probleme, die ein vernünftiger Bär durch schlichtes Winterschlafen weitaus eleganter gelöst hätte.

Schließlich rief man zum Einsteigen auf. Über die Fluggastbrücke betraten wir unser Reich für die kommenden elf Stunden: die Premium Economy. Der Sitz bot nach vorn hin in der Tat eine exzellente Beinfreiheit, sodass selbst mein stattlicher Unplüschiger seine Gliedmaßen mühelos ausstrecken konnte. In der Breite hingegen erinnerte die Kabinenarchitektur fatal an eine gehobene Gefängniszelle. Rechts und links ragten starre Barrieren auf, die kaum Spielraum für ausladende Ellbogen ließen. Mir war diese Enge herzlich einerlei. Mein angestammter Logenplatz war der Schoß meines Begleiters, von wo aus ich nach dem Abheben das geschäftige Treiben der Kabinenbesatzung überwachte.

Und dieser Service war wahrlich beachtlich. Beinahe wie in der First Class tauchte in regelmäßigen Abständen eine überaus aufmerksame Flugbegleiterin an unserem Platz auf, neigte anmutig den Kopf und erkundigte sich mit entwaffnender Höflichkeit nach unserem Befinden. Mein Unplüschiger lächelte jedes Mal geschmeichelt zurück. Mit jeder einzelnen Nachfrage stieg sein Wohlbefinden messbar an.

Wenig später rollten die Servierwagen durch den Gang, und das Bordmenü verdiente ebenfalls höchste Anerkennung. Aufgetischt wurde zartes Rindfleisch in einer tiefdunklen, kräftigen Pfeffersauce. Besonders bemerkenswert fand ich die Wahl der Tischwerkzeuge: Selbst für die zahlreichen asiatischen Mitreisenden lagen ganz selbstverständlich schweres Metallbesteck, Messer und Gabel auf dem Tablett. Mitteleuropäische Esskultur setzt sich eben durch, sogar hoch über den Wolken.

Nach dem Abräumen der Tabletts widmete sich mein Träger dem Bordunterhaltungsprogramm. Hunderte Filme standen zur Auswahl, doch er blieb zielsicher an einem Konzertmitschnitt hängen: David Gilmour live. Jener begnadete Mann, der seit dem Jahr 1968 bei Pink Floyd die Gitarrensaiten zum Weinen bringt. Während die elegischen Klänge von „Comfortably Numb“ durch die Kopfhörer strömten, versank draußen unter den Tragflächen die endlose Weite Sibiriens und Zentralasiens in der tiefblauen Dämmerung. Ich lauschte dem fernen Summen der Triebwerke und verfiel in jenen tranceartigen Reiseschlaf, der sämtliche Zeitzonen und irdische Müdigkeit sanft auflöst.

Als die Kabinenlichter wieder angingen und wir am Morgen des achten März den Sinkflug einleiteten, lag Hongkong unter einer zähen, diesigen Dunstglocke. Draußen herrschten 18 Grad über Null, die Luft wirkte feucht und neblig. Kurz nach 6:00 Uhr Ortszeit setzten die Räder mit einem dumpfen Stoß auf der Landebahn auf.

Wir verließen die Maschine, doch wer auf einen schnellen Spaziergang zum nächsten Flugsteig gehofft hatte, wurde eines Besseren belehrt. Was nun folgte, war bürokratischer Anschauungsunterricht in Reinkultur. Selbst reine Transitreisende müssen in Hongkong eine formelle Teileinreise nach China vollziehen. Kameras zur Gesichtserkennung, Passscanner, elektronischer Datenabgleich – der lückenlose Sicherheitsstaat forderte unerbittlich seinen Tribut. Vor den Kontrollschaltern staute sich eine gewaltige Menschenschlange, die gefühlt bis weit auf das chinesische Festland zurückreichte. Das uniformierte Bodenpersonal dirigierte die übermüdeten Massen in einem schneidenden, militärischen Befehlston durch die Absperrbänder, der keinerlei Widerspruch duldete.

Zu allem Überfluss kam unsere Reihe exakt vor der grell beleuchteten Werbetafel eines asiatischen Nudelimbisses zum Stillstand. Überlebensgroß prangten dort Schalen voller dampfender Brühen, glänzende Teigtaschen und saftige Entenstreifen. Hätte ich in diesem Moment ernsthaften Bärenhunger verspürt, wäre diese Platzierung ein unzweifelhafter Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gewesen: vorsätzliche seelische Grausamkeit gegen wehrlose Plüschtiere. So aber blieb es beim sehnsüchtigen Reiben meiner Tatzen.

Endlich hatten wir die Kontrollposten hinter uns gelassen und nutzten die verbleibende mehrstündige Pause für einen Streifzug durch den gigantischen Flughafenkomplex. Drei weitläufige Terminals und eine glitzernde Konsummeile breiteten sich vor uns aus. Als architektonischer Höhepunkt erwies sich die Skybridge. Diese kühne Fußgängerbrücke spannt sich in schwindelerregender Höhe direkt über das aktive Rollfeld. Wir traten an die bodentiefen Glasfronten und blickten senkrecht hinab auf gigantische Großraumflugzeuge, die wie Spielzeuge gemächlich unter unseren Füßen und Tatzen hindurch zur Startbahn rollten.

Unser Weg über die Brücke führte uns vorbei an einem bunt gestalteten Kinderspielplatz. Daneben wachte ein offizieller Aufseher mit einem derart versteinerten Gesichtsausdruck, dass man unweigerlich vermuten musste, die Konzepte von „Spiel“ und „Freude“ seien ihm zeitlebens vollkommen fremd geblieben. Ein Stück weiter blieb mein Unplüschiger vor einem Schaufenster stehen. Drinnen blickte uns eine lebendige Katze aus klugen Augen an. Zu gern hätte ich das Tier vom Fleck weg als persönliche Bordbegleiterin requiriert, doch die unerbittlichen Quarantänevorschriften Japans verbieten leider jede spontane Haustieradoption auf dem Luftweg.

Also zogen wir ohne felinen Zuwachs weiter zum Abfluggate. Der anschließende Weiterflug nach Fukuoka glich nach dem ersten Marathon einem bloßen Katzensprung. Keine drei Stunden trugen uns die Tragflächen über das Ostchinesische Meer.

Kaum hatten wir in Japan festen Boden unter den Füßen, begann das amtliche Einreiseprozedere von Neuem: Visakontrolle, digitale Fingerabdrücke und die Abgabe der Zollerklärung. Die eigentliche Krönung japanischer Hygienebegeisterung erwartete uns jedoch noch vor den ersten Grenzschaltern. Jeder ankommende Fluggast musste zwangsweise über feuchte, mit scharfer Chemie getränkte Bodenmatten schlurfen, um die Schuhsohlen gründlich zu desinfizieren. Ich zog im Rucksack unwillkürlich meine Tatzen ein. Ob diese feuchte Maßnahme die Inselwelt tatsächlich vor globalen Seuchen bewahrt oder lediglich der seelischen Beruhigung des örtlichen Hygieneamtes dient, blieb ein ungelöstes Rätsel.

Sauber an den Sohlen und amtlich registriert traten wir durch die Schiebetür in die Ankunftshalle, wo uns unser Reiseleiter bereits erwartete. Gemeinsam bestiegen wir ein Taxi, das uns in einer zwanzigminütigen Fahrt direkt in das dichte Stadtzentrum von Fukuoka zu unserem Hotel beförderte.

Das dort zugewiesene Zimmer entpuppte sich als kompromissloses Meisterwerk japanischer Reduktion: winzig, mit einem einzigen Blick überschaubar und streng quadratisch. Wer sich im Stehen umdrehte, stieß unweigerlich mit den Knien an die harte Bettkante. Auch der Blick durch das schmale Fenster trug wenig zur seelischen Erbauung bei. Unten erstreckten sich trübe, schäbige Hinterhofgassen, tapeziert mit brummenden Klimakompressoren und dicken grauen Leitungssträngen. Im winzigen Eingangsbereich standen ordentlich aufgereiht die obligatorischen Gästehausschuhe bereit. Deren Größenwahl war allerdings ein vollkommener Fehlgriff: Für die stattlichen Füße meines Unplüschigen waren die Pantoffeln hoffnungslos zu klein, für meine kompakten Bärentatzen hingegen meilenweit zu groß.

Lange hielten wir uns in dieser Schuhschachtel ohnehin nicht auf. Unten in der Lobby lernten wir rasch den Rest unserer Reisegruppe kennen, und schon trug man mich hinaus in den abendlichen städtischen Trubel. Auf einem hell belebten Platz drängten sich Passanten vor einer Bühne, auf der merkwürdige Wesen in schrillen Kostümen eine lautstarke Gesangs- und Tanzdarbietung vollführten. Wir ließen die bunten Gestalten tanzen und steuerten zunächst einen Geldautomaten an, um uns die ersten 50.000 Yen – umgerechnet rund 275 Euro – zu beschaffen. Mein Unplüschiger rieb die frischen Scheine prüfend zwischen den Fingern. Das Papier fasste sich erstaunlich vertraut an, beinahe exakt wie abgegriffene amerikanische Dollarnoten.

Mit gefüllter Brieftasche folgten wir dem Reiseleiter durch die Gassen in eine authentische japanische Kneipe. Beim Öffnen der Tür schlug uns eine Wand aus tausend Stimmen, klappernden Keramikschalen und dichtem Küchendunst entgegen. Unser kundiger Anführer übernahm sogleich die Bestellung für den Tisch. Wenig später trugen die Kellner Dinge auf, die mein Unplüschiger im kühnsten Traum nicht freiwillig geordert hätte. Da lagen rohe Garnelen, kunstvoll mit dunkler Sauce auf grünem Gemüse drapiert, flankiert von einem schweren, unheilvoll blubbernden Eintopf. Bei näherer Inspektion entpuppte sich dessen Einlage als abenteuerliches Konglomerat aus Kutteln, Pansen und Flecke. Ich rümpfte angewidert meine Plüschnase. Mein Begleiter griff tapfer zu den Stäbchen und kostete vorsichtig. Geschmacklich erwies sich die Brühe als hervorragend, tiefgründig und kräftig gewürzt. Man tat allerdings gut daran, die einzelnen Fleischstücke im trüben Schein der Kneipenbeleuchtung nicht allzu genau anatomisch zu sezieren.

Nach diesem kulinarischen Muttest traten wir wieder hinaus in die kühle Nachtluft. Der Rückweg führte uns am dunklen Flussufer entlang. Dort hatten die berühmten Yatai – mobile Garküchen auf schmalen Rädern – ihre leuchtend roten Planen aufgespannt. Unter den Zeltplanen drängten sich die Einheimischen auf schmalen Hockern, während der schwere Duft von kochender Brühe und glühender Holzkohle durch die Ufergassen zog. Wir streiften noch das pulsierende Vergnügungsviertel, das trotz greller Neonreklamen und geschäftiger Hektik eine seltsam friedliche Ruhe ausstrahlte.

Zurück in unserem winzigen Hotelzimmer stand vor dem Schlafengehen noch eine eingehende technische Inspektion auf dem Programm. Wir widmeten uns ausführlich der örtlichen Toilettenanlage. Das japanische Dusch-WC präsentierte sich als wahres Wunderwerk der Ingenieurskunst: eine wohltemperierte, beheizbare Brille, per Fernbedienung feinjustierbare Wasserstrahlen und sogar eine akustische Geräuschunterdrückung auf einfachen Tastendruck. Mein Begleiter studierte die zahlreichen Symbole der Bedienleiste mit der gleichen Hingabe wie ein Pilot die Instrumente eines Düsenjets. Danach hieß es nur noch: kurz duschen und ab unter die Decke. Nach 48 endlosen Stunden zwischen Himmel und Erde fielen wir in eine traumlose, tiefe Nachtruhe.

09. März 2026: Von Vorortzügen, weisen Rindern und dem Tunnel ins Nichts

Das Erwachen in Fukuoka glich einer charakterlichen Prüfung. Unten im Frühstückssaal des Hotels standen vier verschiedene Menüs zur Auswahl. Mein Unplüschiger entschied sich mit stoischer Tapferkeit für die Variante „Traditionell Japanisch“. Was ihm kurz darauf auf dem schwarz lackierten Tablett serviert wurde, brachte selbst meine gelassene Bärenseele ernsthaft ins Wanken.

Im Zentrum des Tabletts ruhte ein im Ganzen gegrillter Sanma-Fisch. Flankiert wurde das Meerestier von einer Schale Gohan – klebrigem weißem Reis – sowie leuchtend gelben Stücken eines gerollten Omeletts und runden Ganmodoki-Tofubällchen. Daneben dampfte die obligatorische Misoshiru-Suppe. Direkt davor wartete ein Onsen-Tamago: ein pochiertes Ei von derart wabbeliger, halbflüssiger Konsistenz, dass es schon beim bloßen Hinsehen vom Teller zu fliehen drohte. In einem abgeteilten Dreierfach harrten weitere landestypische Köstlichkeiten aus. Dort lagen grüner Gari-Ingwer, rot geriebener Rettich und ein Häuflein winziger, getrockneter Shirasu-Fischchen, die mich aus ihren millimetergroßen schwarzen Augen beinahe vorwurfsvoll anstarrten. Ein kleiner grüner Salat und knallgelbe Takuan-Rettichstreifen rundeten das abenteuerliche Ensemble ab.

Mein Unplüschiger aß alles auf. Restlos. Ich beobachtete ihn bei diesem Unterfangen vom Rucksack aus mit unverhohlenem Respekt. Zweifellos war dieses Mahl überaus gesund, reich an wertvollen Proteinen und vollkommen frei von industriellem Zucker. Als früher Start in den Tag verlangt eine solche Zusammenstellung einem mitteleuropäischen Magen jedoch ein Höchstmaß an eiserner Selbstüberwindung ab.

Derart gestärkt verließen wir das Hotel und marschierten zur nahegelegenen Vorortbahn, dem japanischen Gegenstück zur heimischen S-Bahn. Fahrkarten aus einfachem Papier sucht der Reisende an diesen Stationen vergebens. Unser Reiseleiter stattete stattdessen jeden von uns mit einer glatten Prepaid-Karte aus, die bereits mit 5.000 Yen geladen war. Das System dahinter besticht durch Schlichtheit: Man hält das Plastikstück im Vorbeigehen an die elektronische Schranke, das Gerät piept freundlich, und beim Verlassen des Zielbahnhofs wird der exakte Fahrpreis distanzabhängig abgebucht.

Wir passierten die Sperre und traten auf den Bahnsteig. Gerade rollte ein Zug aus der Gegenrichtung ein. Die Schiebetüren glitten auf, und Abertausende Menschen quollen auf den Asphalt. Jeder Einzelne marschierte mit einem millimetergenau ausgerichteten Tunnelblick voran, im perfekten Gleichschritt und vollkommen lautlos. Kein Räuspern, kein Gespräch, kein Lachen – nur ein schweigender Ozean aus schwarzen Wollmänteln und blütenweißen Hemden.

Kaum hatte sich diese dunkle Flut verlaufen, kündigte sich unser eigener Zug an. Er rollte an die Kante – und zwar mit geschlagenen fünf Minuten Verspätung!

Mein Unplüschiger grinste breit: „Sieh an, die üben wohl schon für die Übernahme durch die Deutsche Bahn.“

Wir stiegen ganz vorn ein, wo sich uns durch die Glasscheibe zum Führerstand großes Theater bot. Gleich zwei Lokführer teilten sich dort vorn die Verantwortung. Während der eine konzentriert die schweren Fahrhebel bediente, deutete sein Kollege mit weiß behandschuhter Hand ruckartig auf jedes einzelne Streckensignal, auf jeden Tachometer und rief seine Beobachtungen lautstark in die Kabine. „Signal grün! Geschwindigkeit 70! Türen geschlossen!“ Dieses Verfahren namens Shisa Kanko mag den Bahnbetrieb zwar extrem sicher machen, wirkt auf den uneingeweihten Beobachter jedoch hochgradig skurril. Überhaupt redet in diesem Land ausnahmslos jedes technische Gerät unentwegt auf den Passanten ein. Die Rolltreppe warnt mit sanfter Stimme vor dem nahenden Ausstieg, der Ticketautomat bedankt sich untertänig für den Einkauf, und die Bahnsteigkante piept in endlosen Melodien. Es herrscht ein permanenter akustischer Belagerungszustand.

Unser Triebwagen selbst, der hier auf 1.435-Millimeter-Normalspur unter einer 1.500-Volt-Gleichstrom-Oberleitung dahinschnurrte, verströmte im Inneren den unverwüstlichen Charme der späten sechziger Jahre. Durch die anfängliche Verspätung verpassten wir am Knotenpunkt prompt unseren geplanten Anschlusszug. Während wir auf dem offenen Bahnsteig auf die nächste Garnitur warteten, nutzten wir die Pause, um dem nächsten Lokführer beim peniblen Einrichten seines Arbeitsplatzes zuzusehen. Ganz links am Pult klemmte er seinen auf Papier gedruckten Fahrauftrag fest. Direkt daneben platzierte er seine persönliche Taschenuhr in einer eigens dafür maßgeschneiderten Metallhalterung zur sekundengenauen Überwachung der Fahrzeit. Rechts davon wartete der schwere Fahrschalter mit seinen vier klassischen Fahrstufen, die den Zug auf maximal 85 Kilometer pro Stunde beschleunigten. Hier wurde die Eisenbahn noch als ehrwürdiges Handwerk zelebriert.

Wenig später ruckte der betagte Wagen an und trug uns hinaus in die bewaldeten Berge von Dazaifu. Vom kleinen Bahnhof aus spazierten wir direkt auf den Dazaifu Tenmangu zu. Dieser gewaltige Shinto-Schrein ist dem hohen Gelehrten Sugawara no Michizane aus dem 9. Jahrhundert gewidmet, den man nach seinem Tod kurzerhand als Schutzgott des Lernens in den Götterhimmel erhob. Jährlich strömen Millionen hoffnungsvoller Studenten an diesen Ort, um für das Bestehen ihrer Prüfungen zu beten.

Am Eingang des weitläufigen Bezirks schritten wir unter monumentalen steinernen Torii-Toren hindurch und traten vor die großen bronzenen Stierfiguren, die auf dem Vorplatz ruhten. Der alte Volksglaube besagt, dass das kräftige Reiben des Stierkopfes dem Berührenden unmittelbare Klugheit verleiht. Dementsprechend waren die dunklen Schnauzen der Metalltiere über die Jahrzehnte blank gescheuert und glänzten in der Sonne wie poliertes Gold. Ich ließ meinen Unplüschigen vorsorglich an die Statue herantreten und meine rechte Plüschpfote sanft über das kühle Bronzemaul streichen. Ein wenig zusätzliche Geisteskraft kann schließlich selbst einem hochgebildeten Bären niemals schaden.

Wir ließen die klugen Rinder hinter uns und passierten die steinernen Komainu-Löwen, die den inneren Schreinbereich bewachten. Die Fabelwesen zogen derart grimmige Fratzen, dass mein Begleiter beim Vorbeigehen trocken bemerkte: „Der schaut genauso wie ich heute Morgen nach dem Frühstück.“ Rund um die geschwungenen Holzhallen standen über 6.000 Pflaumenbäume in voller Pracht. Direkt neben dem Hauptgebäude ragte die legendäre fliegende Pflaume Tobiume empor – jener Baum, der einer alten Sage nach seinem in Ungnade gefallenen Herrn aus der alten Kaiserstadt Kyoto aus purer Treue bis hierher hinterhergeflogen sein soll.

Von den blühenden Pflaumenhainen wanderten wir hinüber zu einer kleinen Bushaltestelle. Ein winziger, bis auf den letzten Stehplatz vollgestopfter Kleinbus keuchte die steile Straße hinauf und beförderte uns noch höher in die Bergwelt zum Homangu-Kamado-Schrein am Fuße des heiligen Berges Homan. Bereits im 7. Jahrhundert hatte man dieses Heiligtum gegründet, um die unheilvolle „Dämonentor“-Himmelsrichtung spirituell gegen böse Geister abzuriegeln. Heute verehrt man hier vornehmlich die Göttin Tamayori-hime, die im himmlischen Ressort für Partnerschaften, glückliche Hochzeiten und zwischenmenschliche Bindungen zuständig ist. In jüngster Zeit erlebt der abgeschiedene Bergschrein allerdings einen völlig anders gearteten Ansturm. Scharen von Manga- und Anime-Fans pilgern hierher, weil der Name des Schreins exakt dem Helden Tanjiro Kamado aus der Kultserie Demon Slayer entspricht. An den hölzernen Gestellen neben der Halle hingen im Wind klappernd Tausende kleiner Holztafeln – sogenannte Ema –, die von den Besuchern statt mit schlichten Gebeten mit kunstvollen, handgemalten Comic-Zeichnungen und glühenden Herzenswünschen verziert worden waren.

Nach so viel spiritueller und popkultureller Erbauung meldete sich zu Tal wieder der irdische Appetit. Zurück in der belebten Pilgerstraße von Dazaifu entpuppte sich das Mittagessen als wahre Offenbarung des Straßenverkaufs. Den Auftakt machten frische Umegae-Mochi: vor unseren Augen auf heißen Gusseisen gepresste Reiskuchen, innen prall gefüllt mit kochend heißer, süßer Adzuki-Bohnenpaste. Gleich am nächsten Stand folgte der herzhafte Kontrast in Form gedämpfter Bao Buns, in deren weichen Teigtaschen dicke Scheiben von karamellisiertem Schweinebauch steckten, die förmlich auf der Zunge zergingen. Hinuntergespült wurde dieses Festmahl mit einer höchst eigenwilligen, aber erfrischenden Limonade aus einer Mischung von Pflaumen- und Kürbissirup, in der tiefgefrorene Erdbeeren als fruchtiger Eiswürfelersatz schwammen.

Mit süß-herzhaft gefüllten Mägen kehrten wir der Bergwelt den Rücken und fuhren am Nachmittag mit dem Bus zurück an die Küste zum Fukuoka Tower. Das im Jahr 1989 errichtete Bauwerk ragt stolze 234 Meter in den Himmel. Es ist ein gänzlich schmuckloses, schlankes Dreiecksprisma aus spiegelndem Glas und schwerem Stahl, das keinerlei Büroetagen beherbergt, sondern einzig der Sendetechnik und der Aussicht dient. Ein schneller Aufzug katapultierte uns auf die Plattform in 123 Metern Höhe. Unter uns breitete sich die Millionenstadt aus: ein endloses Meer aus grauen Häuserblöcken, geschäftige Hafenbecken und draußen im silbrigen Dunst die Weite des Meeres. Als wir wieder in die Tiefe schwebten und vor das Portal traten, fiel unser Blick am Fuße des Turms auf eine ungewöhnliche Statue. Dort wachte der Gott Kangiten – die japanische Erscheinungsform des indischen, elefantenköpfigen Ganesha –, der als mächtiger Schutzherr vor Hindernissen über die Meeresbucht blickte.

Ohne größere Hindernisse setzte sich auch unser Bus wieder in Bewegung und rollte weiter zu den Überresten der alten Burg Fukuoka. Wir kletterten über die mächtigen Natursteinmauern und spazierten ahnungslos durch die historischen Wehranlagen. Plötzlich gerieten wir mitten in die laufenden Dreharbeiten einer japanischen Fernsehserie. Kaum hatten wir die Szenerie betreten, stürmte ein hochgradig nervöser Aufnahmeleiter mit einem großen „No Photo“-Schild in den Händen auf uns zu und gestikulierte wild mit den Armen. Mein Unplüschiger ließ die Kamera sofort in der Tasche verschwinden, und ich zog sicherheitshalber den Kopf tiefer in den Rucksack. Auf eine Karriere als ungebetene Filmstars legten wir heute ohnehin keinen Wert.

Wir überließen die Schauspieler ihrem Schicksal und wanderten durch den benachbarten, weitläufigen Ohori-Park am Wasser entlang zurück in Richtung Innenstadt. Unser Ziel war der ehrwürdige Tochoji-Tempel, den der Mönch Kūkai – der geistige Vater des Shingon-Buddhismus – bereits im Jahr 806 gegründet hatte. Als wir die Schuhe auszogen und die Haupthalle betraten, stockte selbst mir der Atem. Vor uns thronte der gewaltige Fukuoka Daibutsu. Mit 10,8 Metern Höhe und einem Gewicht von 30 Tonnen blickte uns hier die größte sitzende Holz-Buddha-Statue ganz Japans entgegen, meisterhaft geschnitzt aus dem Holz eines einzigen gigantischen Zedernstamms.

Direkt hinter dem Rücken dieses hölzernen Kolosses wartete eine Prüfung für starke Nerven: der „Weg ins Nirwana“. Wir traten durch einen Vorhang in einen schmalen Korridor, und schlagartig erlosch jedes Licht. Es gab keine grün schimmernde Notausgangslampe, keinen noch so winzigen Lichtspalt. Vollkommene, greifbare Schwärze umschloss uns, die dem Gläubigen symbolisch die ausweglose Verstrickung in die weltlichen Sünden vor Augen führen soll. Mit der flachen Hand an der glatten Wand entlanggleitend, tastete sich mein Unplüschiger Schritt für Schritt durch das Nichts. Die Aufgabe bestand darin, irgendwo in dieser Finsternis einen kalt geschmiedeten Eisenring an der Mauer zu erfühlen, dessen Berührung die sofortige Erleuchtung verheißt. Mein Träger tastete geduldig ins Leere, bekam das kühle Metall schließlich zu fassen, und wenige Meter weiter traten wir heftig blinzelnd wieder hinaus ins rettende Tageslicht. Ich atmete tief durch. Absolute Dunkelheit ist für Plüschtiere ein wahres Graus.

Frisch erleuchtet machten wir uns auf den Fußweg zum Bahnhof. Am Straßenrand passierten wir ein offizielles Verkehrsschild, dessen englische Unterzeile uns ein Rätsel aufgab. Wörtlich übersetzt forderte die Tafel den Bürger auf: „Lasse das Fahrrad wandern.“ Ein herrliches Stück unfreiwilliger Poesie im gestrengen japanischen Straßenverkehr. Gleich nebenan lockte ein Supermarkt zu einer kurzen Stippvisite. In der Obstabteilung blieben wir fassungslos vor einer kleinen Auslage stehen: Sechs einzelne Erdbeeren lagen dort einzeln in feinstes Seidenpapier gebettet wie Kronjuwelen und wurden für stolze 3.300 Yen – schlappe 18 Euro – feilgeboten.

Wir verzichteten dankend auf das Luxusobst und steuerten für das Abendessen stattdessen ein bodenständiges Nikuichi-Lokal an. Dort herrschte das Prinzip der kulinarischen Selbsthilfe. Alles, was das Herz begehrte – feine Fleischscheiben, frisches Gemüse und aromatische Pilze –, holte man sich an den Tisch, wälzte die Stücke eigenhändig in Paniermehl und buk sie direkt vor der eigenen Nase in einem Topf mit siedend heißem Fett aus. Es war knusprig, ehrlich und dampfend frisch. Rundum gesättigt stiegen wir hinab zur U-Bahn und ließen uns zurück zum Hotel schaukeln. Nach diesem langen Tag voller Götter, schreiender Lokführer und pechschwarzer Dunkelkammern fielen mir noch im Rucksack die Knopfaugen zu.

10. März 2026: Der Donnerkeil auf Schienen und die Flamme von Hiroshima

Der Morgen in Fukuoka begann mit organisatorischer Weitsicht. Da heute die Übersiedlung nach Hiroshima auf dem Plan stand, entledigten wir uns der schweren Koffer bereits unten in der Hotellobby. In Japan existiert ein hochentwickeltes Kuriersystem namens Takkyubin: Das sperrige Gepäck reist separat per Lastwagen voraus, während die Passagiere unbeschwert mit leichtem Rucksack das Land durchstreifen. Mein Unplüschiger zückte zur Sicherheit kurz sein Smartphone und prüfte die Funksignale der versteckten Airtags. Beide Gepäckstücke meldeten sich brav und pflichtbewusst aus der Ladezone des Hotels.

Erleichtert schlenderten wir in den Frühstückssaal, wo mein Träger heute kompromisslos auf Nummer sicher ging. Das Experiment vom Vortag steckte ihm noch in den Knochen. Auf seinem Teller versammelten sich eine gebratene Frikadelle, ein ehrliches Stück Rührei, ein knackiges Wiener Würstchen sowie zwei buttrige Croissants, flankiert von einer Schale gelber Maissuppe. Das war gewiss nicht die hohe Schule der fernöstlichen Gastronomie, dafür aber garantiert frei von starrenden Fischaugen und glitschigen Eiern.

Gut gesättigt machten wir uns auf den kurzen Weg zum Bahnhof Hakata. Dort ließen wir die gewöhnlichen Nahverkehrsgleise links liegen und passierten die Schleusen zum abgetrennten Hochsicherheitsbereich des Shinkansen. Auf diesen erhabenen Trassen verkehrt nichts anderes als der berühmte weiße Blitz. Breite Bahnsteige empfingen uns, hermetisch gesichert durch hüfthohe, automatische Glaswände. Erst wenn der Zug auf den Zentimeter genau zum Stehen kommt, gleiten die entsprechenden Schranken zur Seite.

Und dann schob er sich in unser Blickfeld: ein Shinkansen der Baureihe N700. Die langgestreckte, schnabelförmige Nase der Triebkopfspitze erinnerte unweigerlich an das Profil eines Eisvogels. Die japanischen Ingenieure hatten diese Form der Natur abgeschaut, um beim Hineinschießen in enge Gebirgstunnel den gefürchteten Überschallknall der komprimierten Luft zu verhindern. Allein die technischen Eckdaten ließen das Herz meines Unplüschigen merklich höherschlagen. Ganze 64 Fahrmotoren verteilen sich unter dem Boden des Zuges. An buchstäblich jeder einzelnen Achse des sechzehnteiligen Kolosses arbeitet ein eigenes Aggregat mit 260 bis 285 Kilowatt Leistung. Zusammengenommen entfesselt dieser Triebzug eine gigantische Antriebskraft von über 17 Megawatt, direkt gespeist aus der 25.000-Volt-Wechselstrom-Oberleitung über dem Dach.

Wir stiegen ein und nahmen in der zweiten Klasse Platz. Eine großzügige 2+3-Bestuhlung erwartete uns, mit breiten Polstern und erstaunlich viel Raum für lange Beine. Mein Unplüschiger richtete sich häuslich ein und versuchte sogleich, sich in das kostenlose Bord-WLAN einzuwählen. Das Netz erwies sich allerdings als ebenso launisch und zickig wie das im heimischen ICE – gewisse technische Unzulänglichkeiten sind offenbar weltweit standardisiert.

Pünktlich auf die Sekunde zog der Zug an. Völlig lautlos presste uns die Beschleunigung in die Polster, bis die Anzeige 300 Kilometer pro Stunde vermeldete. Kein Rütteln ging durch den Wagenkasten, kein Schwanken störte die Ruhe. Draußen flogen Städte, Reisfelder und Bergketten im Zeitraffer vorbei. Die 247 Kilometer lange Strecke bis nach Hiroshima schmolz förmlich dahin. Nach exakt 56 Minuten Fahrzeit und ganzen drei kurzen Zwischenhalten glitt der weiße Riese am Zielbahnhof sanft an die Bahnsteigkante.

Als wir das Bahnhofsgebäude verließen, empfing uns Hiroshima mit strahlendem, warmem Frühlingswetter. Dennoch lag über den breiten Straßen vom ersten Schritt an ein unsichtbarer Schleier der Geschichte, den man beinahe mit den Tatzen greifen konnte. Unser Weg führte uns hinüber zum weitläufigen Friedenspark im Flussdelta. Genau über diesem Ort war am 6. August 1945 um Punkt 8:15 Uhr morgens die erste im Krieg eingesetzte Atombombe detoniert. Über 140.000 Menschen hatten damals im Feuersturm und in den darauffolgenden Monaten ihr Leben verloren.

Wir betraten das Friedensmuseum. In den abgedunkelten Sälen herrschte ein tiefes, bedrücktes Schweigen, während sich die Besucher langsam an den Vitrinen vorbeischoben. Die stummen Exponate hinter dem Glas – in der enormen Hitze zerschmolzene Glasflaschen, verkohlte Fetzen von Kinderkleidung und Taschenuhren, deren Zeiger für alle Ewigkeit um 8:15 Uhr erstarrt waren – schnürten selbst einem hartgesottenen Reisebären die Kehle zu.

Schweigend traten wir wieder hinaus in das helle Sonnenlicht des Parks. Vor uns loderte am Ende eines langen Wasserbeckens die „Flamme des Friedens“. Ihr metallener Sockel ruht zwischen zwei geschwungenen Betonplatten, die wie zwei geöffnete, schützende Hände geformt sind und das Feuer behüten. Seit ihrer Entzündung brennt diese Flamme ununterbrochen. Sie soll erst an jenem fernen Tag gelöscht werden, an dem die allerletzte Nuklearwaffe auf diesem Planeten restlos vernichtet ist.

Nur wenige Schritte weiter ragte das Kinder-Friedensdenkmal in den blauen Himmel. Auf der Spitze der schmalen Kuppel hält eine Bronzefigur der kleinen Sadako Sasaki einen goldenen Kranich empor. Das Mädchen hatte den Abwurf als Zweijährige überlebt, war jedoch zehn Jahre später an den Spätfolgen der Strahlung an Leukämie erkrankt. Einer alten japanischen Legende vertrauend, hatte sie im Krankenbett unermüdlich über 1.000 Origami-Kraniche aus Papier gefaltet, in der verzweifelten Hoffnung, die Götter würden ihr dafür Genesung schenken. Sie starb im Jahr 1955. Heute schicken Schulkinder aus allen Winkeln der Erde Millionen bunter Papierkraniche nach Hiroshima. Zu dichten, farbenfrohen Girlanden aufgefädelt, hingen sie in großen Glaskästen rund um das Denkmal und leuchteten im Sonnenlicht.

Wir folgten dem Uferweg und blickten über das ruhig dahinströmende Wasser des Flusses hinweg auf die Atombombenkuppel, den Genbaku Dome. Einst diente dieser repräsentative Backsteinbau als Halle zur regionalen Industrieförderung. Da die Bombe fast senkrecht darüber explodiert war, hatten die massiven Außenmauern als einziges Bauwerk im weiten Umkreis dem vernichtenden Druckstoß standgehalten. Heute ragt das nackte, verbogene Metallskelett der Kuppel als stummes Mahnmal und UNESCO-Weltkulturerbe gegen das Himmelsblau.

Als wir den Park verließen und an die große Hauptstraße traten, begegnete uns am Straßenrand ein ganz anderes, quicklebendiges Stück Geschichte: die Straßenbahnen der Verkehrsgesellschaft Hiroden. Zwischen den modernen Niederflurbahnen rumpeln hier noch immer historische Triebwagen über die Schienen. Die berühmten Wagen mit den Nummern 651 und 652 hatten sich am Tag der Katastrophe lediglich 1,4 Kilometer vom Explosionszentrum entfernt befunden. Sie waren vollständig ausgebrannt, wurden jedoch von den Überlebenden notdürftig zusammengeflickt und rollten bereits drei Tage nach dem Bombenabwurf wieder klingelnd durch die endlosen Trümmerfelder. Bis zum heutigen Tag verrichten diese unverwüstlichen Veteranen ihren täglichen Liniendienst – rollende Monumente eines unbeugsamen Überlebenswillens.

Das Leben in Hiroshima pulsiert längst wieder in vollen Zügen, und auch unser eigener Kreislauf verlangte zur Mittagszeit nach frischem Brennstoff. Wir bogen in eine belebte, überdachte Einkaufspassage ein und blieben vor einer kleinen Garküche stehen. Die Bestellung erfolgte dort vollkommen sprachlos an einem großen Touchscreen-Automaten neben der Tür. Bunte Bildchen machten die Auswahl zwar kinderleicht, dennoch blieb das genaue Resultat bis zum Servieren eine Wundertüte. Wenige Minuten später stand eine tief dampfende Nudelschale vor uns, reichlich belegt mit zarten Schweinefleischscheiben und einem Berg aus frischem, grünem Schnittlauch.

Frisch gestärkt trug mich mein Unplüschiger weiter durch die Stadt bis zum breiten Wassergraben der Burg Hiroshima, die im Volksmund den klangvollen Namen „Karpfenburg“ trägt. Im Jahr 1589 hatte der mächtige Fürst Mōri Terumoto diese gewaltige Residenz im flachen Flussdelta des Ōta errichten lassen. Die Druckwelle von 1945 hatte die alte Holzfestung zwar restlos dem Erdboden gleichgemacht, doch schon 1958 ließ die Stadt den fünfstöckigen Hauptturm als detailgetreue Rekonstruktion wiederauferstehen. Während wir durch den weitläufigen Schlosspark schlenderten, fielen mir am Wegesrand seltsam verwachsene, auffällig schief stehende Bäume ins Auge. Kleine Tafeln wiesen sie als Hibakujumoku aus – überlebende Bäume der Atombombe. Rund 170 dieser zähen Pflanzen, darunter knorrige Weiden, widerstandsfähige Ginkgos und Eukalyptusbäume, hatten die 4.000 Grad heiße Hitzewelle überstanden und aus ihren schwarz verkohlten Stümpfen allen Naturgesetzen zum Trotz frische grüne Äste getrieben. Bis heute neigen sich ihre dicken Stämme ehrfürchtig in genau jene Richtung, in die der gigantische Orkan der Druckwelle sie einst gebogen hatte.

Auf dem Rückweg vom Burggelände in Richtung Innenstadt ragte plötzlich ein wahrer Konsumtempel vor uns auf: das Edion-Kaufhaus. Auf sage und schreibe 24 Stockwerken drehte sich hier alles um glitzernde Elektronik. In der Fotoabteilung blieb mein Unplüschiger wie angewurzelt vor einer beleuchteten Glasvitrine mit schweren Profi-Kameras stehen. Seine Augen leuchteten verdächtig auf. Eine komplette Canon-Ausrüstung lag dort für 484.000 Yen – umgerechnet rund 2.680 Euro – zum Sofortkauf bereit. Das war ein sattes Drittel günstiger als auf dem heimischen europäischen Markt. Nur mit erheblicher mentaler Überzeugungskraft konnte ich meinen Träger zum Weitergehen bewegen. Schließlich reichte das vorhandene Objektiv vollkommen aus, um meine plüschige Schokoladenseite angemessen in Szene zu setzen.

Ohne neue Kamera, dafür mit geschontem Bankkonto erreichten wir unser Hotel und bezogen unser Quartier im 12. Stockwerk. Durch die breite Fensterfront bot sich ein grandioser Panoramablick über das Häusermeer der langsam in die Dämmerung sinkenden Stadt.

Lange hielt es uns dort oben nicht. Für das Abendessen kletterten wir in eine der historischen Straßenbahnen, ließen uns zum Hauptbahnhof schaukeln und suchten dort ein authentisches Okonomiyaki-Restaurant auf. Hiroshima ist im ganzen Land berühmt für seine eigene, streng gehütete Variante dieses herzhaften Pfannkuchengerichts. Anders als im fernen Osaka, wo man die Zutaten profan zu einem Brei verrührt, wird das Kunstwerk hier Schicht für Schicht auf dem Teppan – einer riesigen, glühend heißen Eisenplatte – direkt vor den Augen der Gäste zelebriert. Wir nahmen auf schmalen Hockern unmittelbar an der Theke Platz. Mit flinken Spateln goss der Koch zunächst einen hauchdünnen Crêpe-Boden auf den heißen Stahl. Darauf türmte er bergeweise fein gehobelten Weißkohl, knackige Sojasprossen und Streifen von fettem Schweinebauch. Nebenan brutzelten bereits gebratene Yakisoba-Nudeln und ein frisches Spiegelei, bevor der Meister den gesamten Turm mit einem einzigen, virtuosen Schwung in der Luft wendete. Zum krönenden Abschluss bestrich er den dampfenden Hügel dick mit dunkler, süß-würziger Otafuku-Sauce, zog feine Streifen aus heller Mayonnaise darüber und bestreute alles mit hauchdünnen Bonitoflocken, die im aufsteigenden Dampf wie lebendig zu tanzen begannen. Gegessen wurde direkt von der heißen Eisenplatte. Es war ein ehrliches, deftiges Festmahl, das jeden einzelnen Muskel meines Unplüschigen nach diesem geschichtsschweren Tag von innen heraus wärmte.

11. März 2026: Die Gezeiten der Götter und das ewige Feuer (Miyajima)

Fünf Grad über Null zeigte das Thermometer am nächsten Morgen, doch der Himmel spannte sich wie eine frisch polierte, tiefblaue Glasschale makellos über die Bucht von Hiroshima. Angesichts der frischen Brise wickelte mich mein Unplüschiger fürsorglich in einen weichen Schal und bettete mich warm verpackt in den Rucksack. Heute stand eine kleine Seereise auf dem Expeditionsplan. Vom Fährhafen aus trug uns ein schweres Schiff in einer fünfundzwanzigminütigen Überfahrt über das glitzernde Salzwasser hinüber zur heiligen Insel Miyajima.

Dieses bewaldete Eiland gilt den Japanern seit vielen Jahrhunderten als unantastbarer, beseelter Ort. Bereits im fernen Jahr 593 hatte man an diesem Ufer den ersten Grundstein für den weltberühmten Itsukushima-Schrein gelegt. Da die gesamte Insel im alten Glauben selbst als göttlicher Körper verehrt wurde, durfte ehemals kein gewöhnlicher Sterblicher den heiligen Waldboden mit seinen profanen Füßen entweihen. Weder Geburten noch Sterbefälle wurden auf dem Eiland geduldet. Aus genau diesem Grund ersannen die Baumeister einen genialen Kunstgriff: Sie errichteten die gesamte Schreinanlage auf dicken Holzpfählen direkt draußen in der Gezeitenzone des Meeres.

Kaum hatten wir über die Gangway das Fährschiff verlassen und den gepflasterten Uferplatz betreten, wurden wir auch schon von den wahren Herrschern der Insel umringt: den wilden Sika-Hirschen. Seit dem 8. Jahrhundert gelten diese gefleckten Vierbeiner im Shinto-Glauben als unantastbare, heilige Boten der Götter. Bis ins Jahr 1637 stand auf das Töten eines solchen Tieres unweigerlich die Todesstrafe. Heute streifen rund tausend dieser Hirsche vollkommen frei zwischen den alten Schreinen, den sandigen Stränden und den bunten Souvenirläden umher. Sie zeigen sich dem Besucher gegenüber unglaublich zutraulich – wobei ein nüchterner Beobachter ihr Verhalten durchaus auch als unverschämt dreist bezeichnen könnte. Da das offizielle Füttern der Tiere seit einigen Jahren streng verboten ist, haben sich die schlauen Paarhufer darauf spezialisiert, unaufmerksame Touristen systematisch nach essbarem Papier abzusuchen. Aus den Jackentaschen ragende Stadtpläne, Eintrittskarten oder Geldscheine schweben hier in akuter Lebensgefahr. Prompt trat ein stattlicher Hirschbock direkt an meinen Träger heran, reckte den Hals und schnupperte mit feuchter Nase ausgiebig an meinen aus dem Rucksack ragenden Plüschohren. Nach eingehender olfaktorischer Prüfung befand er meine edle Textilfaser jedoch für ungenießbar und trollte sich gelangweilt zum nächsten Papierkorb.

Unangeknabbert setzten wir unseren Weg fort und betraten die langen hölzernen Stege des Itsukushima-Schreins. Die Flut stand hoch in der Bucht, sodass das klare Meerwasser nur wenige Zentimeter unter unseren klappernden Dielenbrettern gegen die Pfähle schwappte. Draußen im tieferen Wasser ragte das weltberühmte, 16 Meter hohe Torii-Tor majestätisch aus den Fluten. Seine mächtigen, leuchtend zinnoberrot lackierten Säulen aus altem Kampferholz spiegelten sich malerisch im sanften Wellenschlag. Im 12. Jahrhundert hatte der einflussreiche Kriegsherr Taira no Kiyomori diese Anlage zu jener vollendeten Pracht ausgebaut, die den Besucher bis heute in ihren Bann zieht. Über 275 Meter ziehen sich die offenen, überdachten Wandelgänge über das Wasser, gekrönt von sanft geschwungenen Dächern aus feiner Zypressenrinde, allesamt in vollendeter Asymmetrie harmonisch in die natürliche Meeresbucht komponiert.

Als wir am anderen Ende des Schreins wieder trockenes Festland unter die Sohlen bekamen, führte uns der Pfad vom Meeresufer weg steil bergauf in den dichten Küstenwald. Unser Ziel war der Daisho-in-Tempel, das bedeutendste buddhistische Kloster der Insel, das der unermüdliche Mönch Kūkai im Jahr 806 am Fuße des heiligen Berges Misen gegründet hatte. Schon der bloße Aufstieg entpuppte sich als spirituelles Erlebnis. Entlang der endlosen, in den Fels gehauenen Steintreppe hockten im weichen Moos 500 kleine, steinerne Jizo-Figuren. Keine glich der anderen; jede Statue blickte mit einem völlig individuellen Gesichtsausdruck in die Welt – mal schelmisch lachend, mal tief in Gedanken versunken –, und alle trugen sie leuchtend rote, von Gläubigen handgestrickte Wollmützchen auf den kahlen Steinköpfen, während sie stumm über die Seelen verstorbener Kinder wachten.

Direkt in der Mitte der breiten Treppe zog sich ein schwerer Handlauf hinauf, in den hunderte eiserne Gebetsmühlen eingelassen waren. Mein Unplüschiger legte im Aufsteigen die flache Hand auf das kühle Metall und versetzte im Vorbeigehen eine bronzene Trommel nach der anderen in rasende, klackernde Drehung. Jedes einzelne dieser Räder enthält im Inneren geistliche Schriften und symbolisiert beim Drehen das vollständige Rezitieren eines ganzen Bandes der heiligen Dai-Hannya-Sutra. Wer beim Treppensteigen fleißig alle 600 Rollen in Schwung bringt, erwirbt im Handumdrehen exakt denselben religiösen Verdienst wie ein greiser Klostergelehrter nach jahrelangem, mühsamem Schriftstudium bei Kerzenlicht. Eine wunderbar pragmatische Erfindung, wie ich anerkennend feststellte – spirituelle Erleuchtung im Vorbeigehen.

Oben auf der Tempelterrasse angelangt, zog uns der Duft von altem Rauch in die ehrwürdige Reikido-Halle. Im halbdunklen Zentrum des Raumes flackerte das „Ewige Feuer“, das Kiezu no Hi. Ordensgründer Kūkai höchstpersönlich hatte diese Flamme im Jahr 806 während seiner strengen, hunderttägigen Meditationsübungen entzündet. Seit über 1.200 Jahren wird diese Glut von den Mönchen des Klosters nun schon bei Tag und Nacht ohne jede Unterbrechung gehütet und genährt. Über dem offenen Feuer hing an schweren Ketten ein dicker, völlig rußgeschwärzter Eisenkessel, dessen leise siedendes Wasser den Pilgern als heilkräftig gilt. Es war exakt dieses uralte Klosterfeuer, das man im Jahr 1964 über das Wasser nach Hiroshima getragen hatte, um dort drüben im Friedenspark die ewige Flamme zu entzünden.

Von der verrauchten Halle aus stiegen wir noch tiefer in den verwinkelten Tempelbezirk hinab und betraten die kühle, in den Berg getriebene Henjokutsu-Höhle. Ein magisches Schimmern empfing uns. Unter der niedrigen Felsdecke hingen hunderte goldene Laternen dicht an dicht und tauchten das Gewölbe in ein warmes, überirdisches Licht. Entlang der steinernen Wände standen im Halbkreis 88 buddhistische Statuen aufgereiht. Sie repräsentieren die 88 traditionsreichen Klöster der berühmten Insel-Pilgerreise von Shikoku. Unter den Bodenplatten vor jedem einzelnen Standbild hatten die Mönche einst originalen Sand und Erde aus dem jeweiligen fernen Tempel vergraben. Wer diese Höhle andächtig durchschreitet und vor jeder Figur kurz die Hände faltet, absolviert auf diese Weise die überaus beschwerliche, 1.200 Kilometer lange Fußpilgerfahrt durch Wind und Wetter ganz komfortabel in knapp fünf Minuten.

Derart reich mit frischem Karma gesegnet, stiegen wir zur Mittagszeit wieder hinab ins Dorf, wo die weltlichen Genüsse riefen. In einem gemütlichen Gasthaus servierte man uns ein klassisches Teishoku-Menü. Vor uns dampfte eine Schale mit dicken, schneeweißen Udon-Nudeln in einer goldklaren Dashi-Brühe, bestreut mit frischen grünen Frühlingszwiebelringen. Daneben thronte das eigentliche Glanzstück: Unagi Don – auf den Punkt gegrillter, herrlich karamellisierter Süßwasseraal auf heißem Reis, glänzend überzogen mit einer satten, dunklen Tare-Sauce. Flankiert wurde der Fisch von würzigen Ganmodoki-Tofuwürfeln, und als süßer Abschluss wartete ein zartes Stück Mochi-Reiskuchen, dick bestäubt mit nussig duftendem Kinako-Sojabohnenmehl.

Nach diesem fürstlichen Mahl machten wir uns auf den Weg zur Talstation der Insel-Seilbahn. Unterwegs blieben wir plötzlich verzückt am Wegesrand stehen: Zwischen dem dunklen Nadelgrün des Waldes leuchtete uns der allererste blühende Kirschbaum unserer Reise entgegen. Ein einzelner, der Sonne zugewandter Zweig hatte seine Knospen bereits geöffnet und trug zarte, blassrosa Blütenblätter zur Schau – die Vorboten des japanischen Frühlings ließen sich nicht mehr aufhalten.

Beschwingt erreichten wir die Miyajima-Ropeway. Diese technisch äußerst ungewöhnliche Anlage aus zwei hintereinandergeschalteten Seilbahnsystemen trug uns in kleinen Gondeln steil über die Baumwipfel hinauf bis zur Bergstation Shishiiwa auf 433 Metern Höhe. Dort oben war der Aufstieg jedoch noch nicht beendet. Über grobe Waldpfade und unzählige Felsstufen kletterte mein Unplüschiger mit mir im Gepäck die letzten Höhenmeter zu Fuß hinauf bis zum Misen-Observatorium auf dem 525 Meter hohen Gipfel. Der Ausblick von der hölzernen Plattform entschädigte für jede Anstrengung. Tief unter uns glitzerte das weite Seto-Binnenmeer, übersät mit unzähligen kleinen, grün bewaldeten Inseln. Im ruhigen Küstenwasser schwammen wie feine geometrische Muster die langen Holzflöße der örtlichen Austernzüchter, während am fernen Horizont die blauen Bergketten des Festlandes im Dunst verschwammen.

Für den Rückweg ins Tal verzichteten wir auf die Gondel und wählten den steilen Fußpfad durch den Bergwald. Auf halber Höhe trauten wir unseren Augen kaum, als am Rande des schmalen Weges ein winziges, knallrotes japanisches Feuerwehrauto parkte. Aufgebaut auf dem Fahrgestell eines ultrakompakten Kei-Trucks, maß das gesamte Löschfahrzeug in der Breite kaum 1,48 Meter. Es sah aus, als wäre es direkt einer Spielzeugschachtel entstiegen, war jedoch millimetergenau für die engen, steilen Waldschneisen der Insel dimensioniert. Ein Stück weiter talwärts stockte unser Schritt erneut. Mitten auf dem Wanderpfad standen sich zwei ausgewachsene Sika-Hirschböcke gegenüber und fochten ein vollkommen lautloses Duell um ihr Territorium aus. Sie senkten die Köpfe und drückten mit aller Kraft gegeneinander. Da die Herren ihre stolzen Geweihe zu dieser Jahreszeit allerdings längst abgeworfen hatten, entbehrte der Kampf jeder martialischen Dramatik und erinnerte eher an einen reichlich unentschlossenen Ringkampf unter schlecht gelaunten Bären.

Wir ließen die sturen Streithähne auf ihrem Waldpfad zurück, erreichten den Hafen und traten im goldenen Abendlicht mit einem Fährschiff, einem anschließenden Vorortzug und einer auf leisen Gummireifen rollenden U-Bahn die Rückreise in das Zentrum von Hiroshima an. Der lange Marsch über den heiligen Berg verlangte am Abend nach handfester, ehrlicher Hausmannskost. In einem kleinen Lokal bestellte mein Unplüschiger klassisches Tonkatsu. Kurz darauf standen zwei fingerdicke Schweinefilets vor uns, gehüllt in eine luftige Panko-Panade und im heißen Öl goldbraun und krachend knusprig ausgebacken. Dazu türmte sich auf dem Teller ein Berg aus hauchfein gehobeltem Kohl, begleitet von einer Schale Miso-Suppe und einem Klecks scharfem grünem Wasabi. Rundum satt und tiefenentspannt kehrten wir ins Hotel zurück, wo ich mich ohne Umwege aus dem Rucksack direkt in die weichen Decken fallen ließ.

12. März 2026: Die Schwingen des weißen Reihers und das Schweigen von Shosha

Der zwölfte März begann für uns hoch über den Dächern von Hiroshima im 14. Stockwerk unseres Hotels. Das dortige Frühstücksbuffet bewies großes diplomatisches Geschick, indem es auf seinen langen Tafeln friedlich zwischen westlichem Rührei und traditioneller Miso-Suppe vermittelte. Wir stärkten uns zügig, denn der Fahrplan kannte kein Pardon. Um Punkt 8:00 Uhr saßen wir bereits wieder in der rumpelnden Straßenbahn zum Hauptbahnhof, stiegen dort auf den Hochbahnsteig hinauf und glitten an Bord eines wartenden Shinkansen. Kaum eine Stunde später bremste der Hochgeschwindigkeitszug sanft ab und entließ uns in Himeji – einer geschäftigen Großstadt mit einer halben Million Einwohnern, die in aller Welt für eine einzige, alles überstrahlende Sehenswürdigkeit berühmt ist.

Man muss das moderne Bahnhofsgebäude nur durch das Hauptportal verlassen, und schon blickt man über den breiten Boulevard schnurgerade auf das Wunderwerk: die Burg Himeji. Am Horizont thront die gewaltige Anlage auf dem Hügel Himeyama. Wegen ihrer strahlend weißen Putzfassaden und der geschwungenen, leicht ansteigenden Dächer, die an einen großen Vogel erinnern, der sich mit weit ausgebreiteten Schwingen in die Lüfte erhebt, trägt sie den poetischen Beinamen „Burg des weißen Reihers“. Ihre ersten Wurzeln reichen bis ins Jahr 1333 zurück, im Jahr 1581 wurde sie vom Feldherrn Toyotomi Hideyoshi maßgeblich erweitert und ab 1601 durch den Fürsten Ikeda Terumasa schließlich zu ihrer heutigen, monumentalen Gestalt vollendet. Sie gilt als die am besten erhaltene originale Feudalfestung ganz Japans. Weder mittelalterliche Belagerungen noch die schweren Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs oder das verheerende Hanshin-Erdbeben von 1995 vermochten diesem weißen Koloss etwas anzuhaben.

Wir marschierten die schnurgerade Prachtstraße hinauf, überquerten den breiten äußeren Wassergraben, und mein Unplüschiger trug mich durch das mächtige Haupttor in das Innere der Festung. Augenblicklich begann das raffinierte taktische Verwirrspiel der alten Festungsbaumeister. Der Anstieg zum großen Hauptturm ist kein repräsentativer Spazierweg, sondern ein ausgeklügeltes administratives und militärisches Labyrinth. Die gepflasterten Pfade knicken völlig unvermittelt im rechten Winkel ab, führen den Angreifer scheinbar bergauf, nur um ihn plötzlich in einer Sackgasse vor haushohen Feldsteinmauern auflaufen zu lassen. Immer wieder zwingt die Architektur den Besucher durch extrem niedrige, enge Schlupfpforten und führt ihn wehrlos unter Dutzenden von runden, dreieckigen und rechteckigen Schießscharten – den sogenannten Sama – entlang, aus denen einst ein tödlicher Hagel aus Pfeilen, schweren Musketenkugeln und heißen Steinen auf die Eindringlinge herabregnete. Es ist in Stein und Lehm gegossene psychologische Kriegsführung in Reinkultur.

Da wir in friedlicher Absicht kamen, erreichten wir unbeschadet den Fuß des fünfstöckigen Hauptturms, der hinter seiner äußeren Fassade in Wahrheit sieben volle Geschosse und ein gewaltiges Kellergeschoss verbirgt. Am Eingang hieß es für alle Zweibeiner wieder einmal: Schuhe ausziehen. Ausgestattet mit kleinen Plastiktüten, in denen mein Träger sein Schuhwerk durch die Geschichte schleppte, betraten wir das ehrwürdige Innere. Der über vierhundert Jahre alte, dunkel nachgedunkelte Holzboden war durch die dünnen Socken hindurch schneidend kalt. Doch der Blick auf das offene Gebälk ließ jedes Frösteln vergessen. Zwei gigantische, durchgehende Tragpfeiler aus massivem Zedernholz ragen vom tiefen Fundament bis unter das oberste Dachfirst und halten das ungeheure Gewicht des schwankenden Holzbauwerks seit vier Jahrhunderten sicher im Lot. Diese Zimmermannskunst flößte selbst einem technisch versierten Bären tiefen Respekt ein. Über halsbrecherisch steile Holzstiegen kletterten wir von Etage zu Etage bis ganz nach oben. Durch die offenen, vergitterten Fensterluken der obersten Wachstube strich der frische Wind, und uns bot sich ein grandioser Blick über das graue Meer der geschwungenen Ziegeldächer, die kunstvollen steinernen Fisch-Ornamente auf den Firsten, die grünen Wassergräben tief unten und die moderne Stadt ringsumher.

Nachdem wir den Rückweg durch das steinerne Labyrinth gemeistert und die Schuhe wieder an den Füßen hatten, wechselten wir vom militärischen Ernst direkt zur feingeistigen Ästhetik. Gleich neben dem Burggraben traten wir durch das Tor der Koko-en-Gärten. Auf einer Fläche von dreieinhalb Hektar hat man hier über den historischen Fundamenten ehemaliger Samurai-Residenzen neun vollkommen eigenständige, durch weiß getünchte Lehmmauern und Bambuszäune voneinander getrennte Themengärten angelegt, welche die erlesene Wohn- und Gartenkultur der Edo-Zeit wiederaufleben lassen.

Wir flanierten über geschwungene Holzbrücken und Trittsteine bis zum Herzstück der Anlage, dem großen Teich des Oyashiki-Gartens. Zwischen kleinen Felseninseln und künstlichen Wasserfällen tummelten sich im glasklaren Wasser rund 250 prächtige Nishiki-Koi. Wie lebendige Edelsteine in tiefem Samtschwarz, reinem Schneeweiß und leuchtendem Feuerorange glitten die stattlichen, wohlgenährten Karpfen schwerelos durch das Nass. Kaum trat mein Unplüschiger an die hölzerne Verandakante des Pavillons heran, schossen Dutzende dieser geschuppten Prachtexemplare in der Hoffnung auf Futter herbei und reckten ihre weit aufgerissenen Mäuler aus dem Wasser. Ein Anblick, der meinen natürlichen Bäreninstinkt augenblicklich weckte und mir durchaus das Wasser im Plüschmaul zusammenlaufen ließ. Doch diese edlen Zierfische waren hier unantastbar, und so blieb es bei der rein platonischen Bewunderung.

Den echten Hunger stillten wir wenig später in einem nahegelegenen Restaurant, wo das Mittagessen allerdings für große, heitere Verwirrung am Tisch sorgte. Aufgetragen wurde zunächst ein vielversprechendes Ensemble aus kleinen Schälchen mit gekochten jungen Sardinen, warmen Somen-Weizennudeln, gekrönt von einem Stück gegrilltem Meeraal – dem sogenannten Anago –, sowie lokalem Himeji-Oden, allerlei in leichter Brühe geschmorten Zutaten. Das eigentliche Zentrum des Tabletts bildete jedoch ein gewaltiger, schwerer Tontopf, dessen bauchiger Deckel Großes verheißend auf dem Rand ruhte. Mein Unplüschiger rieb sich erwartungsvoll die Hände und hob den Deckel mit feierlicher Geste an, fest davon überzeugt, auf einen bis zum Rand gefüllten, dampfenden Festtagseintopf zu blicken. Stattdessen gähnte ihm aus der Tiefe des Keramikgefäßes eine einsame, bescheidene Portion weißer Reis entgegen, auf deren Gipfel ein einzelnes rohes Eigelb neben zwei schmalen Streifen getrockneter Alge thronte. Die eklatante Diskrepanz zwischen der monumentalen Verpackung und der zutiefst asketischen Realität auf dem Topfboden war schlichtweg köstlich mitanzusehen.

Nach dieser Lektion in zen-buddhistischer Bescheidenheit fuhren wir am Nachmittag mit dem Bus hinaus an den Stadtrand, um den bewaldeten Berg Shosha und den auf seinem Gipfel verborgenen Engyo-ji-Tempel zu erklimmen. An der Talstation erwartete uns jedoch eine herbe Enttäuschung: Die dortige Bergseilbahn befand sich wegen ihrer jährlichen technischen Revision im tiefen Winterschlaf. Keine Gondel bewegte sich am Stahlseil. Es gab keinerlei motorisierte Alternative. Mein Unplüschiger musste den gesamten Berg aus eigener Muskelkraft zu Fuß bezwingen. Während er auf dem steilen, steinigen Waldpfad tapfer ins Schwitzen geriet und Höhenmeter um Höhenmeter abarbeitete, machte ich es mir in meiner gepolsterten Rucksackloge gemütlich, ließ mich sanft schaukeln und genoss durch das lichte Geäst den immer weiter werdenden Blick über das sonnige Tal von Himeji.

Als wir das Hochplateau schließlich schnaufend erreichten, traten wir unter den hohen Bäumen in eine vollkommen andere, entrückte Welt ein. Der weitläufige Engyo-ji-Tempelkomplex war bereits im 10. Jahrhundert von einem erleuchteten Mönch gegründet worden und gehört zur traditionsreichen Tendai-Schule des japanischen Buddhismus. Nach einem Fußmarsch durch den stillen Bergwald öffnete sich das Gehölz zum Herzstück der Anlage, dem sogenannten Mitsunodo. Drei wahrhaft monumentale, gänzlich unbemalte Holzhallen stehen hier in strenger U-Form frei um einen weiten, stillen Innenhof herum, dessen Boden mit hellem Kies bedeckt ist: die Große Lehrhalle Daikodo, die langgestreckte Speise- und Schlafhalle Jikido sowie die Meditationshalle Jogyodo.

Die gewaltigen, auf dicken Baumstämmen ruhenden Holzkonstruktionen mit ihren weit ausladenden, geschwungenen Dächern fügen sich derart nahtlos in den umgebenden dichten Urwald ein, als wären sie vor Jahrhunderten selbst aus dem Waldboden gewachsen. Kein Wunder, dass die Regisseure aus Hollywood genau diesen magischen Ort ausgewählt hatten, um hier oben entscheidende Szenen des Historienepos The Last Samurai zu drehen. Die Atmosphäre zwischen den dunklen Zedernstämmen war von einer fast greifbaren, zeitlosen Würde erfüllt. Unmittelbar vor der großen Haupthalle hielt eine gigantische, uralte Sugi-Zeder stumme Wacht, deren armdicke, bemooste Wurzeln sich wie die Klauen eines urzeitlichen Drachen tief in das nackte Felsgestein krallten.

Nach dem langen Abstieg zurück ins Tal führte uns der Fußweg durch ein ruhiges, gewöhnliches Wohngebiet von Himeji. Zwischen den niedrigen Einfamilienhäusern blieb mein technikbegeisterter Träger plötzlich stehen und legte den Kopf weit in den Nacken. Mitten in der engen Siedlung ragte ein erstaunlich hoher, feingliedriger Gitterstahlturm in den Abendhimmel. Es handelte sich um einen modernen Telekommunikationsmast für das 5G-Netz und den regionalen Rundfunk. Anders als die schweren, monolithischen Betontürme in der Heimat war diese luftige Fachwerkkonstruktion kompromisslos auf maximale Erdbebensicherheit ausgelegt und fügte sich erstaunlich unaufdringlich mitten in die Nachbarschaft ein.

Wenig später erreichten wir wieder das belebte Stadtzentrum, wo unser Reiseleiter am vereinbarten Treffpunkt bereits sämtliche Schäfchen unserer Gruppe wieder vollzählig beisammenhatte. Für das Abendessen tauchten wir heute tief in das echte japanische Alltagsleben ein und steuerten ein brummendes After-Work-Lokal unter den Bahnbögen an. Drinnen herrschte eine ausgelassene, fast schon anarchische Stimmung. Dutzende japanische Büroangestellte in dunklen Anzügen und gelockerten Krawatten saßen dicht gedrängt bei schäumendem Bier und warmem Sake beisammen. Sie lachten aus vollem Hals, redeten lautstark durcheinander und klopften sich auf die Schultern – jene eiserne, perfekt kontrollierte gesellschaftliche Fassade, die wir tagsüber in den Zügen beobachtet hatten, war hier am Abend vollkommen von ihnen abgefallen. Wir ergatterten einen freien Tisch mitten im Getümmel und bestellten ein herrlich sämiges, herzhaftes Fleischcurry auf Reis für gerade einmal 880 Yen – ein Festmahl, das auf der Rechnung kaum mehr zu Buche schlug als das große, eiskalte Glas Bier daneben. Angenehm erschöpft vom Bergsteigen und voller neuer Eindrücke traten wir durch die laue Nacht den kurzen Rückzug in unser Hotel an.

13. März 2026: Die Lichter von Dotonbori und der Atem des Kerosins (Himeji – Osaka – Kōyasan)

Der Morgen begann mit dem raschen Abschied von der weißen Reiherburg in Himeji. Am Bahnhof kletterten wir erneut auf den Hochbahnsteig und glitten an Bord eines wartenden Shinkansen. In einer knappen halben Stunde fraß der Hochgeschwindigkeitszug die Schienenkilometer förmlich in sich hinein und spuckte uns am Fernbahnhof Shin-Osaka wieder aus.

Ohne jede Vorwarnung tauchten wir dort in das dröhnende Getriebe der drittgrößten Metropole Japans ein. Rund 2,7 Millionen Einwohner bevölkern dieses wirtschaftliche Kraftzentrum der Kansai-Region, das schon in historischen Zeiten als stolze Stadt der freien Kaufleute und des rastlosen Handels galt. Wir stiegen in das unterirdische Labyrinth der U-Bahn hinab, ließen uns durch das Netz treiben und kletterten Punkt 10:00 Uhr im quirligen Geschäftsviertel Namba wieder ans Tageslicht.

Direkt vor dem Eingang eines großen Pokémon-Centers bot sich uns ein wahrhaft skurriles Schauspiel. Eine schier endlose Menschenschlange harrte dort geduldig in der frischen Morgenkälte auf dem Pflaster aus. Erwachsene wie Kinder standen dicht an dicht in Reih und Glied, einzig getrieben von dem brennenden Wunsch, pünktlich zur Ladenöffnung die allerneuesten bunten Sammelkarten der kleinen Taschenmonster zu ergattern. Wir überließen die Jäger und Sammler ihrer Leidenschaft und schlenderten weiter in Richtung Dotonbori, dem niemals schlafenden Unterhaltungsdistrikt der Stadt. Oben an den eng stehenden Häuserfronten drängten sich grelle Leuchtreklamen in allen Farben des Spektrums. Über den Eingängen der Fischrestaurants bewegten riesige, mechanische Riesenkrabben ruckend ihre roten Blechscheren, während hoch über dem schmalen Kanal das berühmte Großplakat des Glico-Läufers mit erhobenen Armen seinen ewigen Zieleinlauf feierte.

Der verführerische Duft von gebackenem Teig lockte uns an einen der zahllosen offenen Straßenstände. Wir reihten uns ein und erstanden eine Schale frischer Takoyaki. Vor unseren Augen wendete der Verkäufer mit flinken Metallspießen kochend heiße Teigkugeln in gusseisernen Halbkugelformen. Im Inneren verbargen sich saftige Oktopusstücke; außen präsentierten sich die Bällchen herrlich kross, während der Kern cremig und weich blieb. Übergossen mit würziger brauner Tentsuyu-Sauce, feinen Streifen aus heller Mayonnaise und einer Handvoll hauchdünner Bonitoflocken, die sich in der aufsteigenden Hitze sofort kräuselten, war dieser Straßenimbiss ein Gedicht.

Doch das war lediglich das Vorspiel. Wenig später kehrten wir für das eigentliche Mittagessen in ein Restaurant ein, das uns klassische japanische Perfektion auf einem großen Holztablett präsentierte. Serviert wurde ein reichhaltiges Teishoku-Menü: ein Stück auf den Punkt gegrillter Fisch, kunstvoll geschnittenes, rohes Sashimi, in federleichtem Teig ausgebackene Gemüsetempura, eine Rolle süßliches Tamagoyaki-Omelett sowie eine tiefe Schale Miso-Suppe, in der dunkelgrüne Wakame-Algen schwammen.

Mit dieser edlen Grundlage im Magen begann am Nachmittag unsere große Schienenexpedition hinaus in die abendliche Einsamkeit der Berge. Eine U-Bahn brachte uns zurück zum Knotenpunkt Namba, wo wir in den Regionalzug nach Hashimoto wechselten. Kaum ließ die Bahn das Häusermeer von Osaka hinter sich, veränderte sich die Szenerie. Mit jedem einzelnen Zwischenhalt leerte sich das Abteil zusehends. Draußen vor den Fenstern wichen die grauen Vorstadtsiedlungen langsam dicht bewaldeten Bergausläufern, bis mein Unplüschiger und ich schließlich beinahe mutterseelenallein auf den Polstern des Waggons saßen.

Am Bahnhof von Hashimoto endete die gewöhnliche Welt, und das eigentliche eisenbahntechnische Abenteuer nahm seinen Anfang: die Weiterfahrt auf der legendären Nankai Kōya-Linie hinauf nach Gokurakubashi. Diese verwegene Gebirgsstrecke, die man zwischen den Jahren 1898 und 1929 unter enormen Mühen in die steilen Flanken geschlagen hatte, ist ein wahres Meisterwerk der frühen Ingenieurskunst. Unser kurzer Triebwagen rollte auf der schmalen Kapspur von 1.067 Millimetern und zog seine Kraft aus einer 1.500-Volt-Gleichstrom-Oberleitung. Sobald die Fahrt begann, wand sich das einzelne Gleis wie eine Schlange durch insgesamt 23 dunkle Felstunnel unaufhaltsam die Bergwand hinauf. Die Steigung kletterte auf beachtliche 50 Promille an. Gleichzeitig schnürten sich die Kurvenradien auf bis zu 160 Meter zusammen – derart eng, dass sich die eisernen Spurkränze der Räder mit einem ohrenbetäubenden, fast schmerzhaften Quietschen und Kreischen an den gebogenen Schienenflanken rieben. Durch den Wagenboden hindurch spürten wir in jeder Faser, wie die Elektromotoren ächzend gegen die unerbittliche Schwerkraft ankämpften, um auf diesem kurzen Abschnitt stolze 450 Höhenmeter zu bezwingen.

An der einsamen Endstation Gokurakubashi war der Gipfel jedoch noch längst nicht erreicht. Wir kletterten aus dem Triebwagen und stiegen über einen kurzen Verbindungssteg direkt in die rot-weiße Kōyasan-Standseilbahn um, deren Wagenkasten wie eine schiefe Treppe konstruiert war. Bereits seit dem Jahr 1930 überwindet diese kühne Anlage auf einer Streckenlänge von nur 800 Metern die letzten, extrem steilen 330 Höhenmeter bis hinauf zum heiligen Hochplateau. Das dicke Stahlseil straffte sich, und mit exakt drei Metern pro Sekunde zog uns die Winde an der fast senkrechten Fels- und Waldwand empor.

Als sich oben an der Bergstation die Türen öffneten, schlug uns augenblicklich schneidend kalte Bergluft ins Gesicht. Die Klostersiedlung Kōyasan liegt auf über 800 Metern Höhe tief in den Wäldern verborgen, und das Thermometer am Ausgang zeigte glatte null Grad an.

Ein kurzer Weg führte uns durch die frostige Dämmerung zu unserem heutigen Nachtquartier, dem altehrwürdigen Tempelkloster Sekisho-in, dessen Gründung rund 1.100 Jahre zurückliegt. Wer hier einkehrt, lässt westlichen Hotelkomfort hinter sich. Geschlafen wird in dieser klösterlichen Abgeschiedenheit nicht auf hohen Federkernmatratzen, sondern auf traditionellen Futons, die erst am späten Abend direkt auf den geflochtenen Tatami-Reisstrohmatten ausgerollt werden. Unser zugewiesenes Zimmer bestach durch vollendete Schlichtheit, war jedoch durch die dünnen Schiebewände hindurch bitterkalt. Einzige Quelle der Zuversicht war ein in der Ecke hockender, leise vor sich hin fauchender Kerosinofen. Tapfer strömte der Blechkasten seine warme Luft in den Raum und verbreitete dabei jenen unverwechselbaren, leicht stechenden Geruch von verbranntem Petroleum, den meine empfindliche Bärennase wohl niemals wieder vergessen wird.

Um Punkt 17:30 Uhr rief uns die klösterliche Ordnung in den großen Speisesaal. Junge Mönche in schlichten Gewändern servierten das Abendessen: Shojin Ryori, die jahrhundertealte, streng vegane Klosterküche des japanischen Buddhismus. Vor uns auf den niedrigen, schwarz glänzenden Lacktischen versammelten sich Dutzende winziger Porzellanschälchen. Wir kosteten uns durch schneeweißen Seidentofu, zarte Tempura aus frisch gesammelten, saisonalen Bergkräutern, knackig eingelegten Rettich, dunkel geschmorte Shiitake-Pilze, klare Gemüsesuppen und dampfenden Reis. Die strengen Ordensregeln verbieten bei der Zubereitung jegliche Verwendung von Fleisch, Fisch, aber auch von aufreizenden Knollen wie Zwiebeln oder Knoblauch. Jedes einzelne Gericht war in stiller Hingabe zubereitet worden und schmeckte vorzüglich – auch wenn sich mein bäriger Magen angesichts der vollkommenen Abwesenheit tierischer Proteine ein wenig verwundert zeigte.

Um nach dem stillen Mahl nicht völlig durchgefroren unter die Decken zu kriechen, drehten wir im Anschluss noch eine schnelle Runde durch das inzwischen tief verschneite, in nächtliches Schweigen gehüllte Klosterdorf. Zurück im Zimmer erwartete uns eine harte Botschaft: Aus strengen Brandschutzgründen mussten sämtliche Kerosinöfen im gesamten Holzgebäude über Nacht komplett abgeschaltet werden. Mit dem Blick eines erfahrenen Polarforschers reagierte mein Unplüschiger sofort und organisierte auf dem Flur vorsorglich einen Stapel zusätzlicher, bleischwerer Baumwolldecken. Eine dicke Lage diente fortan als isolierendes Polster gegen die aufsteigende Bodenkälte von unten, zwei weitere wurden als Schutzschild gegen den Frost von oben aufgeschichtet.

14. März 2026: Der Gesang der Schalen und die Einkehr im Priesterhaus

Das Erwachen im Tempel Sekisho-in brennt sich tief in das Gedächtnis ein. Punkt 6:00 Uhr morgens zerriss der erste gewaltige, tief vibrierende Gongschlag die Stille und rollte wie ferner Donner durch die langen, dunklen Holzgänge des Klosters. Ein vorsichtiger Blick aus dem Deckenberg verriet: Das Thermometer im Zimmer war über Nacht auf eisige sechs Grad über Null gefallen. Als mein Unplüschiger tapfer aus dem warmen Futon kroch und über die kalten Dielen zur Morgentoilette schlich, stieß er bei jedem Atemzug dichte, weiße Dampfwolken in die frostige Flurluft aus. An den Waschbecken gab es lediglich eiskaltes Gebirgswasser. Es blieb bei einer blitzschnellen Katzenwäsche; für langes Zögern oder wehleidiges Jammern war an diesem Morgen schlichtweg keine Zeit.

Um 6:55 Uhr saßen wir gemeinsam mit unserer Reisegruppe vollzählig auf dem Boden des großen Gebetsraums. Gnädigerweise hatten die Mönche die Halle zuvor mit einigen mobilen Heizstrahlern auf immerhin neun Grad vorgewärmt. Auf die Sekunde pünktlich um 7:00 Uhr glitt die Schiebetür zur Seite, und der diensthabende Priester betrat in feierlichen, schwer mit Goldfäden durchwirkten Seidengewändern den reich geschmückten Altarraum. Er ließ sich vor der glänzenden goldenen Pagode nieder, verneigte sich tief bis zum Boden, entzündete duftendes Räucherwerk und begann mit routinierten, fließenden Handgriffen, kleine bronzene Opferschälchen und helle Glocken zu richten.

Dann hob der Gesang an. Aus der Kehle des Priesters strömten Shingon-buddhistische Mantras – tief, sonor und getragen von einer archaischen, fremdartigen Melodie, deren Wurzeln bis zu uralten chinesischen Übersetzungen indischer Sanskrit-Texte zurückreichen. In unregelmäßigen Abständen griff der Geistliche zu einem schweren Holzklöppel und schlug damit kräftig gegen die bauchigen Klangschalen aus gegossener Bronze. Der durchdringende, glockenreine Metallton breitete sich schlagartig aus, ließ die Luft im gesamten Raum physisch vibrieren und diente gleichzeitig als unbestechlicher akustischer Weckruf, der absolut zuverlässig verhinderte, dass auch nur ein einziger übermüdeter Unplüschiger in den hinteren Reihen wieder in den Schlaf sank.

Nach dem letzten Verklingen der Bronze wandte sich der Priester uns Gästen zu und hielt in ruhigem Tonfall eine morgendliche Predigt. Unser Reiseleiter lieferte uns später im Flur die Übersetzung nach: Der Mönch hatte über die unaufhaltsame Vergänglichkeit allen irdischen Seins gesprochen, über die stolze Geschichte des heiligen Berges Kōya und über das lebenslange Streben nach innerer geistiger Klarheit. Um exakt 7:29 Uhr schloss die Andacht. Das Thermometer im Saal war durch unsere Körperwärme auf immerhin zehn Grad geklettert. Dennoch fühlten sich die Füße meines Trägers an wie taube Eisklumpen, und die sehnsüchtige Vorstellung von einem heißen Frühstück beherrschte fortan jeden einzelnen Gedanken.

Nach einer wärmenden Morgenmahlzeit schnürten wir das Gepäck und traten hinaus in den klaren Bergmorgen. Mein Begleiter trug mich hinüber zum Okunoin, dem mit Abstand größten und heiligsten Waldfriedhof ganz Japans. Fast zwei Kilometer weit schlängelt sich dort ein alter, mit Steinplatten gepflasterter Pilgerpfad unter dem dichten Kronendach majestätischer, jahrhundertealter Riesenzedern dahin. Rechts und links des Weges ragen im schattigen Dämmerlicht über 200.000 dick mit grünem Moos überzogene Grabmonumente, fünfstufige steinerne Stupas und verwitterte Gedenksteine aus dem Waldboden. Es ist eine steinerne Stadt der Toten: Mächtige mittelalterliche Samurai-Fürsten ruhen hier friedlich neben kuriosen, modernen Denkmälern großer Wirtschaftskonzerne, die ihren verstorbenen Mitarbeitern eigene Ehrenmale zwischen den Baumriesen errichtet haben.

Ganz am Ende dieses endlosen Waldpfades erhebt sich im tiefen Schatten das allerheiligste Mausoleum von Kōbō Daishi – jenem legendären Mönch Kūkai, der uns auf unserer Reise schon so oft begegnet war. Nach dem unerschütterlichen Glauben der Shingon-Mönche ist ihr großer Meister im Jahr 835 keineswegs gestorben. Vielmehr ruht er tief im Inneren der Gruft im Zustand ewiger, lebendiger Meditation – dem sogenannten Nyujo –, um dort geduldig auf das dereinstige Erscheinen des zukünftigen Welt-Buddha Maitreya zu warten. Und weil ein Meditierender bei Kräften bleiben muss, zelebriert die Priesterschaft an jedem einzelnen Tag des Jahres um exakt 10:30 Uhr das feierliche Ritual des Shojingu. Wir standen ehrfürchtig am Rand, als sich die Prozession näherte: Drei ausgewählte Mönche schritten in langsamem Gleichschritt über die Steine und trugen in einer geschlossenen, lackierten Holzkiste frisch gekochte, erlesene vegane Speisen über die Grenze zum Mausoleum, um den großen Meister gebührend zu verköstigen. Gewöhnlichen Sterblichen bleibt der Zutritt zu diesem innersten Bezirk streng verwehrt; schon ab der letzten steinernen Bachbrücke herrscht absolutes Fotografier- und Schweigegebot.

Wir wanderten zurück in das Zentrum des Hochplateaus und streiften noch durch weitere ehrwürdige Tempelanlagen der Bergstadt, in deren Mauern bis heute rund 600 praktizierende Mönche ihr strenges Tagwerk verrichten. Als die Mittagssonne den Zenit erreichte, verlangten unsere ausgekühlten Körper nach den kargen Klosterstunden allerdings dringend nach handfester, weltlicher Wärme. Wir kehrten in ein winziges Lokal am Straßenrand ein. Auf den Tisch kam ein kräftiges, dunkelbraunes japanisches Curry, auf dem zu unserer großen Überraschung ein dickes, rundum knusprig paniertes und frittiertes Burger-Patty thronte. Geschmacklich war diese Hochzeit aus fernöstlicher Gewürzsauce und amerikanischem Hackfleisch zwar eine höchst eigentümliche Erscheinung, doch die enorme Kaloriendichte wirkte in der Bergkälte wahre Wunder.

Innerlich aufgeheizt traten wir den Rückzug vom heiligen Berg an und schwebten mit der steilen Standseilbahn wieder hinab in die Tiefe. Mit jedem einzelnen Höhenmeter, den die Gondel hinter sich ließ, kletterte die Quecksilbersäule nach oben; als wir unten im Tal ausstiegen, empfing uns lachender Sonnenschein bei überaus behaglichen zehn Grad.

Am Fuß der Berge begann eine wahre Schnitzeljagd über das ländliche Schienennetz: Dreimal mussten wir mit Sack und Pack den Zug wechseln, rollten über die Stationen Gojo und Yoshinoguchi durch beschauliche Täler, bis unser Triebwagen schließlich am kleinen Provinzbahnhof Shimoichiguchi zum Halten kam. Dort auf dem Bahnsteig endete das herkömmliche Touristenprogramm, denn wir wurden bereits von unseren heutigen Gasteltern für eine private Nacht in einer japanischen Familie erwartet. Jungo und Kazuto empfingen uns am Gleis mit einer derart offenen, herzlichen Wärme, dass jede anfängliche Scheu sofort verflog. Standesgemäß luden sie unser Gepäck in den Kofferraum ihrer blütenweißen Audi A6 Limousine, und wir glitten auf weichen Ledersitzen davon. Fünfzehn Minuten lang schraubte sich der schwere Wagen über kurvige Bergstraßen steil hinauf in das abgeschiedene Gebirgsdorf Nashido, während sich neben der Fahrbahn immer wieder spektakuläre Ausblicke in tief eingeschnittene, dicht bewaldete Schluchten öffneten.

Als der Wagen vor dem Anwesen hielt, staunten wir nicht schlecht: Das Zuhause unserer Gastgeber war kein gewöhnliches Wohnhaus, sondern ein kleiner, jahrhundertealter buddhistischer Dorftempel, an dem Hausherr Kazuto in ehrwürdiger Familientradition als ordinierter Priester amtiert. Noch bevor wir unsere Zimmer bezogen, lud er uns ein, ihm direkt in den reich geschmückten privaten Altarraum des Hauses zu folgen. Im stillen Schein der goldenen Statuen entzündete Kazuto die Kerzen, legte unser mitgebrachtes deutsches Gastgeschenk ehrfürchtig auf den Opfertisch vor das Angesicht der Götter und stimmte mit sonorer Stimme ein Segensgebet an. Wir knieten brav auf den weichen Tatami-Matten dahinter, verneigten uns tief und sammelten auf diese Weise schon vor dem Abendbrot reichlich frisches Karma. Einzig das anschließende Wiederaufstehen nach geschlagenen zehn Minuten im ungewohnten japanischen Fersensitz erforderte von den unplüschigen Gelenken meines Trägers ein beachtliches Maß an akrobatischer Beherrschung.

Im Wohnbereich ging der Abend nahtlos in gesellige Herzlichkeit über, zumal beide Gasteltern ein ganz hervorragendes Englisch sprachen. Für das gemeinsame Abendessen trugen Jungo und Kazuto eine schier gewaltige Platte auf, die sich unter der Last taufrischer Zutaten bog: leuchtend oranger Lachs, tiefroter Thunfisch, feine Gurkenstifte, cremige Avocadospalten, süße Omelettstreifen und eine große Holzschale mit duftendem, leicht gesäuertem Sushi-Reis. Jeder griff sich knusprige Nori-Algenblätter, belegte sie nach Herzenslust und rollte sein eigenes, kegelförmiges Temaki-Sushi direkt in der Hand. Wir schmausten, was das Zeug hielt, mussten jedoch irgendwann kapitulieren – diese überbordende Tafel bis auf das letzte Reiskorn zu leeren, überstieg selbst unsere vereinten Kräfte.

Als das Geschirr abgeräumt war, verwandelte sich der Esstisch in eine traditionelle Schreibstube. Priester Kazuto holte feine Bambuspinsel, Reibsteine und tiefschwarze flüssige Tusche hervor und erteilte uns zu später Stunde eine persönliche Privatlektion in der hohen Kunst der japanischen Kalligraphie. Geduldig erklärte er den Aufbau und die exakte Strichreihenfolge der komplexen Kanji-Schriftzeichen. Mein Unplüschiger nahm den ungewohnten Pinsel zwischen die Finger, setzte an und zog die schwarzen Linien mit einer derart erstaunlichen inneren Ruhe über das dünne Papier, dass ihm der Hausherr mit anerkennendem Nicken aufrichtiges Lob zollte. Noch bis 23:00 Uhr in der Nacht saßen wir bei dampfendem grünem Tee am Tisch beisammen, lauschten den Geschichten aus dem Dorfleben und plauderten angeregt über Gott, die weite Welt und die feinen kulturellen Unterschiede zwischen dem fernen Sachsen und den Bergen von Kansai. Geschlafen wurde anschließend zwar abermals auf ausgerollten Futons direkt auf dem Boden – doch in dieser Nacht umgab uns dabei eine wunderbar behagliche, familiäre Wärme.

15. März 2026: Die Verbeugung der Hirsche und das Holzmeer von Nara

Punkt 7:00 Uhr morgens klopfte das pralle Leben sanft an unsere hölzerne Schiebetür. Als wir in den Essbereich traten, erwartete uns im Tempelhaus ein Frühstück, das eine liebevolle diplomatische Symbiose zweier Welten darstellte: Während auf der einen Seite des Tisches klassischer weißer Reis, knusprige Algenblätter und heiße Miso-Suppe bereitstanden, brutzelten drüben in der offenen Küche bereits frische Spiegeleier und knackige westliche Frühstückswürstchen in der Pfanne.

Bevor wir jedoch das Haus verließen, nahmen wir gemeinsam mit unseren Gasteltern noch am morgendlichen buddhistischen Hausritual teil. Dem goldenen Haus-Buddha im Altarraum wurde feierlich die allererste, frisch dampfende Schale Reis des Tages als Opfergabe dargebracht. Priester Kazuto ließ die bronzene Klangschale hell ertönen, und wir neigten in einem kurzen Dankgebet für die gewährte Gastfreundschaft die Köpfe. Zum krönenden Abschluss dieser morgendlichen Zeremonie durften wir selbst zum feinen Bambusbesen greifen: In großen Keramikschalen schlugen wir eigenhändig leuchtend grünen, schäumenden Matcha-Tee auf und genossen zu dessen edler Bitternote handgefertigtes Wagashi-Konfekt, das mit einer süßen Paste aus roten Bohnen gefüllt war.

Nach einem herzlichen Abschied an der Tempelschwelle rollten wir im weißen Audi wieder die steilen Bergstraßen hinab zum Bahnhof Shimoichiguchi. Während der Wagen durch die engen Kurven glitt, bot sich mir vom Rucksack aus ein Bild von unübertrefflicher japanischer Alltagsskurrilität: Mitten im modernen Armaturenbrett des Autos flimmerte über den Bordmonitor völlig ungerührt ein quietschbunter Anime-Trickfilm. Was jeden deutschen Hauptkommissar sofort zur Kelle greifen ließe, ist im japanischen Straßenverkehr vollkommen legal – und wurde von unserem steuernden Priester am Lenkrad mit stoischer, zen-buddhistischer Gelassenheit komplett ignoriert.

Unten am Bahnhof trafen wir wieder auf den Rest unserer Reisegruppe, verabschiedeten uns winkend von unseren Gastgebern und stiegen in den Regionalzug. Nach dreimaligem Umsteigen durch die Ebene erreichten wir schließlich das historische Nara. Im 8. Jahrhundert residierte an diesem Ort der kaiserliche Hof in der allerersten festen Hauptstadt Japans, und bis heute präsentiert sich die gesamte Stadt dem Besucher als ein einziges, gigantisches Freilichtmuseum des frühen Buddhismus.

Obwohl nach dem üppigen Tempelfrühstück eigentlich noch kein einziger Mitreisender ernsthaften Hunger verspürte, kannte das unerbittliche Protokoll des Reiseplans kein Erbarmen und rief pünktlich zum Mittagessen. In einem Restaurant tischte man uns knusprig frittiertes Yamato-Schweinefleisch aus der Region auf. Bevor man jedoch zum Fleisch greifen durfte, verlangte das örtliche Tischritual nach ehrlicher Handarbeit: Jeder Gast erhielt eine kleine, innen fein geriffelte Keramikschale voller weißer Sesamsamen sowie einen hölzernen Stößel. Fleißig mörserten wir die Körner von Hand zu einem duftenden, öligen Mehl und verrührten dieses anschließend mit einer dickflüssigen, dunklen Barbecue-Sauce zum perfekten Dip. Mein Unplüschiger bewies dabei große taktische Klugheit: Er wählte die sättigenden Beilagen aus Reis und Miso-Suppe kurzerhand ab, um im Magen sämtliche verfügbaren Kapazitäten exklusiv für das zarte Schweinefleisch zu reservieren.

Nach diesem kulinarischen Kraftakt lockte ein Verdauungsspaziergang im Grünen. Wir betraten den Kasuga Taisha Manyō Botanical Garden. Auf drei Hektar erstreckt sich hier ein stilles Naturidyll, in dem über 300 einheimische Pflanzenarten gehegt werden, welche allesamt bereits in der berühmten antiken Gedichtsammlung Man’yōshū vor über tausend Jahren poetisch besungen wurden. Weltberühmt ist dieser Garten vor allem für seine ausladenden Wisterien: Rund 200 alte, knorrige Glyzinienstöcke in zwanzig verschiedenen Sorten rankten sich über schwere Spaliergerüste und bereiteten ihre dicken Knospen gerade darauf vor, die schattigen Kiespfade im voranschreitenden Frühling in ein einziges, herabhängendes Blütendach aus duftendem Violett zu verwandeln.

Vom botanischen Garten aus traten wir unter die hohen Bäume des direkt angrenzenden Kasuga-Taisha-Schreins. Schon der Anmarsch zog uns durch seine mystische Atmosphäre in den Bann: Während entlang der leuchtend zinnoberrot gestrichenen Holzgalerien des Hauptgebäudes hunderte kunstvoll geschmiedete, bronzene Hängelaternen im leichten Wind schaukelten, säumten draußen im dichten, dunklen Urwald schier unzählige, über und über mit grünem Moos überwachsene Steinlaternen den alten Pilgerweg. An einer Treppe blieben wir schmunzelnd vor einem steinernen Komainu-Wächterlöwen stehen. Um den muskulösen Steinhals des grimmigen Fabelwesens war ein leuchtend rotes Stofflätzchen gebunden. Spötter könnten nun behaupten, das Textil diene dazu, dass der Wächter beim scharfen Bewachen des Heiligtums nicht vor Aufregung auf die heiligen Stufen sabbert – in Wahrheit handelt es sich jedoch um ein rührendes Votivgeschenk gläubiger Eltern, die damit den göttlichen Schutz für ihre heranwachsenden Kinder erbitten.

Als wir aus dem schattigen Schreinwald heraustraten und die weiten Rasenflächen des Nara-Parks erreichten, übernahmen schlagartig wieder alte Bekannte das uneingeschränkte Kommando: die Sika-Hirsche. Auch hier in der alten Kaiserstadt genießen die gefleckten Geweihträger den hohen Status unantastbarer nationaler Naturdenkmäler. Im Gegensatz zur Insel Miyajima ist das Füttern in Nara jedoch ausdrücklich erwünscht. An kleinen Holzständen am Wegesrand kauften wir für wenige Münzen ein Bündel „Shika Senbei“ – ungesüßte, knusprige Reiskekse, die eigens für die Vierbeiner gebacken werden. Kaum hielt mein Unplüschiger das Gebäck in der Hand, führten uns die Hirsche von Nara vor, dass selbst die Tierwelt in diesem Land die japanische Höflichkeit bis zur vollendeten Meisterschaft verinnerlicht hat: Die Tiere traten heran, hielten inne, senkten bedächtig den Kopf und verbeugten sich tief und formvollendet vor dem Zweibeiner, um auf diese Weise stilvoll ein Leckerli zu erbetteln. Einzig bei unserem geplagten Reiseleiter verweigerten die sonst so wohlerzogenen Paarhufer geschlossen den diplomatischen Dienst – kaum hatten sie seine Kekspackung erspäht, umringten sie ihn in einem dichten Rudel, ließen jede Verbeugung fahren und zupften stattdessen ungeduldig und fordernd mit den Mäulern an seinem Jackensaum.

Wir befreiten unseren Anführer aus der Umklammerung der pelzigen Wegelagerer und wanderten weiter auf das monumentale Herzstück des Parks zu: das Große Südtor, das Nandaimon des Tōdai-ji-Tempels. Diese gewaltige, vollkommen unbemalte Holzkonstruktion ragt bereits seit dem 12. Jahrhundert auf achtzehn riesigen Baumstämmen in den Himmel. In den beiden seitlichen Tordurchgängen halten zwei über acht Meter hohe, hölzerne Niō-Wächterstatuen grimmige Wacht, die einst von den legendären Bildhauern Unkei und Kaikei geschaffen wurden. Die vor Anspannung hervortretenden Muskelstränge, die im Sturm wallenden Gewandbänder und die kriegerischen Rüstungen mit ihren feinen Schuppenpanzern sind derart kraftvoll und plastisch aus dem dunklen Holz gehauen, dass selbst ein unerschrockener Bär unter ihrem zornigen Blick unwillkürlich ein Stück tiefer in den Rucksack zurückweicht.

Kaum hatten wir das dräuende Wächtertor durchschritten, öffnete sich dahinter über den weiten Hof hinweg der freie Blick auf die Daibutsuden – die Große Buddha-Halle. Man steht vor dem größten rein aus Holz errichteten Gebäude auf diesem Planeten. Ganze 57 Meter misst die Fassade in der Breite, 50 Meter ragt das geschwungene Dach mit seinen goldenen Firsthörnern in die Höhe. Als wir über die hohe Schwelle in das schummrige Innere traten, verstummte ringsum jedes Gespräch. Vor uns thronte auf einem riesigen Lotussockel der Daibutsu von Nara: eine 15 Meter hohe und rund 500 Tonnen schwere Bronzestatue des kosmischen Vairocana-Buddha, deren erster Guss bereits im fernen Jahr 752 vollendet worden war. Allein die erhobene rechte Hand des Erleuchteten ist so groß wie ein ausgewachsener Unplüschiger. Die schiere, erdrückende Monumentalität dieses Raumes lässt jeden Besucher demütig schweigen. Als wir später wieder ins Freie traten, bot uns der Tempelpark davor das vollendete Gegenbild zarter Vergänglichkeit: Einzelne Kirschbäume standen dort in ihrer allerersten, vollen Blüte und spannten duftige rosa Wolken über die grasenden Rehe und das Jahrtausende alte Tempelholz.

Am späten Nachmittag hieß es Abschied nehmen von den höflichen Hirschen. Am Bahnhof von Nara bestiegen wir den Nahverkehrszug zur Weiterfahrt nach Kyoto. Die Waggons waren im Feierabendverkehr gut gefüllt, doch die eigentliche Prüfung lauerte unter unseren Sitzflächen: Die langen gepolsterten Längsbänke an den Außenwänden wurden von unten derart brutal elektrisch beheizt, dass wir schon nach wenigen Fahrminuten den dringenden Verdacht schöpften, die staatliche Bahngesellschaft wolle auf dieser Strecke sämtliche eventuellen Restfrostschäden aus den kalten Bergklöstern mit roher Gewalt ein für alle Mal aus den Gliedern der Fahrgäste wegbrennen.

Gut durchgegart stiegen wir in der alten Kaiserstadt Kyoto aus dem Zug. Die Millionenmetropole empfing uns am Bahnhof laut, quirlig und überraschend modern. Der Fußweg zu unserem neuen Hotel war kurz, und beim Öffnen der Zimmertür stieß mein Unplüschiger einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus: Das Quartier bot nicht nur herrlich geräumige Platzverhältnisse, sondern vor allem echte, hohe westliche Betten – das spartanische Schlafen auf dem harten Dielenboden gehörte endgültig der Vergangenheit an! Zur Feier dieses zivilisatorischen Komforts kehrten wir am Abend in ein kleines, gemütliches Lokal um die Ecke ein, wo ein dampfendes, sämiges Curry mit butterzart geschmortem Rindfleisch und knackigem Frühlingsgemüse den Tag auf das Köstlichste abrundete.

16. März 2026: Der Gesang der Dielen und die Schwingen der Maiko (Kyoto I)

Das Hotelfrühstück zeigte an diesem Morgen klare, erfreuliche Annäherungen an westliche Gewohnheiten. Es gab spiegelei-nahe Eier, leckeren Schinken und – welch zivilisatorischer Fortschritt – sogar richtiges Brot. Letzteres schmeckte zwar verdächtig süßlich nach konditioniertem Toast, aber immerhin war es kein klebriger Klebreis. Was in den japanischen Unterkünften jedoch chronisch und unübersehbar fehlte, war frisches Grünzeug. Außer Reis und ein paar welken Algenblättern werden im Inselreich rund 60 Prozent aller Nahrungsmittel importiert, und frisches Gemüse ist aufgrund der rasanten Verderblichkeit auf den langen Transportwegen ein echter Luxusartikel.

Gestärkt durch den Toast machten wir uns auf den Weg. Mit einer geschickten Kombination aus U-Bahn und Bus rollten wir zum Schloss Nijo, der historischen Residenz des ersten Tokugawa-Shoguns Tokugawa Ieyasu aus dem Jahr 1603. Schon das monumentale Haupttor, das Karamon, überwältigte uns mit seinem massiven Zypressenrindendach, den blitzenden vergoldeten Beschlägen und den farbenprächtigen Holzschnitzereien von stolzen Kranichen und wachsamen Löwen.

Im Inneren des Ninomaru-Palastes hieß es für alle Besucher wie gewohnt: Schuhe aus und in Plastiktüten verstauen. Der anschließende Gang über die blanken Holzkorridore entpuppte sich als akustische Sensation. Wir betraten den berühmten „Nachtigallenboden“, den Uguisubari. Unter den alten Dielenbrettern reiben geschmiedete eiserne Nägel und Klammern bei jedem Schritt clever aneinander und erzeugen dabei ein helles, zwitscherndes Vogelkonzert. Kein verdeckter Attentäter konnte sich dem Shogun auf diesem Boden je unbemerkt nähern. In den prunkvollen Hallen selbst herrschte aus Rücksicht auf die historischen Schätze strenges Fotografierverbot. Wir bestaunten die meisterhaften Wandschirme der Kano-Schule, auf denen goldene Hintergründe mit mächtigen, knorrigen Kiefern als Symbolen für ewiges Leben verschmolzen. Draußen im Schlosspark wetteiferten derweil frühe Pflaumen- und Zierkirschenbäume um die Wette und warfen ihre zarten Farben in die spiegelnden Teiche.

Zur Mittagszeit zog es uns in eine moderne Sushi-Kette. Das Bestellen dort ist purer technischer Fortschritt: Man nimmt an einer kleinen Koje Platz, tippt seine kulinarischen Wünsche in ein hell leuchtendes Tablet, und nach weniger als sechzig Sekunden schießt der bestellte Teller auf einem computergesteuerten Fließband direkt an die Nasenspitze gefahren. Neben klassischem Lachs gab es extrem mutige Kreationen wie Sushi mit geräucherter Entenbrust. Am Ende türmte sich vor unserer Fünfergruppe ein beeindruckender Turm aus leeren Tellern auf; die gemeinsame Rechnung belief sich auf gerade einmal 11.000 Yen – umgerechnet rund 60 Euro für ein absolut fürstliches Mahl.

Am Nachmittag pilgerten wir zum Okazaki-Schrein, der im Gründungsjahr Kyotos 794 zum Schutz der neuen kaiserlichen Hauptstadt vor bösen Geistern aus dem Osten errichtet wurde. Da die dort verehrten Gottheiten historisch mit einer gigantischen Nachkommenschaft gesegnet waren, gilt der Schrein heute als gefragter Wallfahrtsort für Fruchtbarkeit und sichere Geburten. Das gesamte Areal wird dementsprechend von unzähligen, teils putzigen Kaninchenstatuen beherrscht. Mein Unplüschiger warf pflichtbewusst eine 100-Yen-Münze in den großen Holz-Opferkasten – eine gesicherte bärige Zukunft will schließlich gut überlegt sein.

Danach stand das unbestrittene Wahrzeichen Kyotos auf dem Programm: der Kinkaku-ji, der Goldene Pavillon. Malerisch und fast unwirklich spiegelt sich das dreistöckige Gebäude im spiegelglatten Kyoko-ike-Teich wider. Die beiden oberen Etagen sind lückenlos mit echtem, schimmerndem Blattgold überzogen, während auf der Dachspitze ein bronzener Phönix regungslos wacht. Die drei Etagen des Pavillons verkörpern dabei meisterhaft die verschiedenen Baustile der Muromachi-Zeit: unten den schlichten Palaststil des Kaiserhofs, in der Mitte den rustikalen Samurai-Krieger-Stil und ganz oben die feine, minimalistische Zen-Architektur für die Priester. Ein architektonisches Monument von schier überwältigender Pracht.

In der einbrechenden Dämmerung schlenderten wir durch das historische Geisha-Viertel Gion. Zwischen den dunkelbraunen Holzhäusern, den traditionellen Machiya mit ihren hängenden Noren-Vorhängen, huschten echte Maikos in bunten Seidenkimonos und mit kunstvoll hochgesteckten Frisuren lautlos zu ihren abendlichen Terminen in den exklusiven Teehäusern. Wir genossen am breiten Kamo-Fluss die stimmungsvolle Abendbeleuchtung der Stadt, ehe unser Tag in einer winzigen Nudelbar endete. Mein Unplüschiger bestellte dicke Udon-Nudeln in scharfer Currysauce. Als die glatten Teigstreifen beim Essen beharrlich von seinen glatten Holzstäbchen glitten und er den Tränen nahe war, reichte ihm die Kellnerin mit verständnisvollem Lächeln eine astrein europäische Gabel. Rettung in letzter Sekunde.

17. März 2026: Die Meister der Reiskunst und die geheimen Riten von Gion (Kyoto II)

Der Vormittag gehörte ganz uns allein. Da für diese Stunden kein offizielles Gruppenprogramm anstand, fassten wir den Entschluss, den Kyoto Tower zu erklimmen. Der 131 Meter hohe Stahlturm ragt seit 1964 direkt gegenüber dem quirligen Hauptbahnhof empor und dient bis heute als wichtiger Sendemast sowie als terrestrische Notfunkverbindung für den Ernstfall bei Erdbeben.

Der Weg nach oben folgte einer herrlich typischen, bürokratischen Logik: Erst kaufte man im dritten Stockwerk des zugehörigen Kaufhauses am Schalter ein Papierticket – selbstverständlich strikt gegen reines Bargeld –, fuhr damit in den elften Stock und stieg dort in den eigentlichen Expressaufzug um. Oben angekommen, breitete sich Kyoto vor unseren Augen aus wie ein gigantisches, akkurat gezogenes Schachbrett. Breite Alleen, peinlich genau angeordnete Häuserblöcke, und mittendrin schob sich der Shinkansen wie ein silbrig glänzender Wurm durch das dichte Geflecht der Gleisanlagen.

Pünktlich um 11:30 Uhr begann unser lang ersehnter Kurs in japanischer Esskultur: Wir lernten, wie man echtes Sushi rollt. Unter den wachsamen Augen eines erfahrenen Meisters verfeinerten wir unsere Handgriffe und begriffen die feinen Nuancen zwischen Nigiri – kunstvoll mit Fisch belegten Reisballen –, Maki in Nori-Blättern und kegelförmigen Temaki. Mein Unplüschiger schnitt frischen Thunfisch und zarten Lachs mit bemerkenswerter Präzision, während ich von der Seite als unbestechlicher Qualitäts- und Frischekontrolleur wachte. Das anschließende Verzehren unserer eigenen handwerklichen Schöpfungen war ein kulinarischer Hochgenuss.

Auf dem anschließenden Rückweg durch die schmalen Nebengassen blieben wir immer wieder fasziniert vor den typischen japanischen Kei-Cars stehen. Mein Begleiter musterte einen parkenden Suzuki Hustler mit hochgezogenen Augenbrauen. Angesichts der winzigen Abmessungen und mickrigen Türen müsste er bei diesem Gefährt wohl den Fahrersitz komplett ausbauen, sich stattdessen auf die Rückbank quetschen und die langen Beine durch den Rost des Bodenblechs stecken, um das Auto überhaupt lenken zu können.

Am Nachmittag nahmen wir an einer traditionellen Teezeremonie teil. In einem schlichten, von Tatamimatten ausgelegten Raum schlug die Teemeisterin das feinste grüne Matcha-Pulver mit einem winzigen Bambusbesen in der Schale schaumig. Diese Zeremonie ist ein echtes Fest der Entschleunigung und exakten Geometrie: Jede einzelne Drehung der Keramikschale, jede formvollendete Verbeugung folgt strengen, jahrhundertealten Regeln. Das dazugehörige, extrem süße traditionelle Konfekt bildete dabei den unverzichtbaren Kontrapunkt zur herben, tiefen Bitterkeit des frisch geschlagenen Tees.

Zurück am Hauptbahnhof nutzten wir die Bahnverbindung unseres Reiseleiters. Auf dem dortigen Bahnsteig erlebten wir einmal mehr jene unheimliche, fast militärische japanische Disziplin: Auf dem Asphalt sind exakte Dreiecke samt Ziffern aufgemalt. Unser Zug sollte an „Dreieck 3–6“ zum Stehen kommen – und prompt reihten sich sämtliche wartenden Passagiere feinsäuberlich in zwei disziplinierten Reihen exakt hinter dieser Markierung auf. Kein ungeduldiges Drängeln, kein vorzeitiges Vorbeischleichen. Der Zug hielt auf den Millimeter genau vor den Markierungen an.

Der Bahnhof von Kyoto selbst ist mit seinen 34 Gleisen auf drei Ebenen und der futuristischen, luftigen Glashallenkonstruktion ein wahrer Verkehrspalast. In den riesigen Bahnhofsläden bewunderten wir die berühmten Ekiben-Bentoboxen, von denen manche sogar eine clevere, integrierte chemische Heizung auf Kalk-Wasser-Basis besitzen, die das Essen per Zugband binnen weniger Minuten dampfend heiß serviert. Auf dem Fußweg zum Hotel gönnten wir uns zur Stärkung noch einen frisch karamellisierten Crème-Brûlée-Donut.

Am Abend trug mich mein Begleiter ins Gion Corner Theater. In einer kurzweiligen, einstündigen Darbietung erlebten wir die klassischen darstellenden Künste des Landes an einem Ort: den grazilen Kyomai-Tanz zweier authentischer Maikos, eine verkürzte Teezeremonie, kunstvolles Ikebana-Blumenstecken, die sanften, perlenartigen Melodien der dreizehnsaitigen Koto-Harfe, den archaischen Bugaku-Maskentanz des kaiserlichen Hofes sowie eine herrlich überdrehte, lautstarke Kyogen-Slapstick-Komödie.

Der nächtliche Heimweg führte uns abermals durch die sicheren, makellos sauberen Straßen von Gion. Für das späte Abendabendessen siegte schließlich die nackte Macht der Gewohnheit: Wir landeten wieder im vertrauten Curryladen.

18. März 2026: Zehntausend Flammen im Wald und das Labyrinth der Köche (Kyoto III)

Der Wecker klingelte am nächsten Morgen unbarmherzig früh. Da auch zahlreiche andere Gäste im Hotel ähnliche Großtaten geplant hatten, glich der Frühstückssaal um 7:00 Uhr einem wahren Bienenstock. Wir ließen uns nicht lange bitten, nahmen die U-Bahn zum Hauptbahnhof und wechselten auf die Nara-Linie der JR – eine schmalspurige, mit 1.500 Volt Gleichstrom betriebene Vorortbahn –, die uns rasch nach Fushimi brachte.

Dort erstreckt sich der Fushimi Inari-Taisha, das unangefochtene Hauptheiligtum des Reiskultes und des Schutzgottes Inari, der hier gleichermaßen für gute Ernten und geschäftlichen Erfolg verehrt wird. Seit dem fernen Jahr 711 pilgern Gläubige an diesen heiligen Berg. Das weltberühmte Markenzeichen des Schreins sind die Senbon Torii: Tausende und abermals Tausende leuchtend zinnoberrote Tore, die sich in endlosen, dichten Tunneln über vier volle Kilometer den bewaldeten Berg hinaufschrauben. Jedes einzelne dieser Tore ist eine offizielle Spende von Unternehmen oder wohlhabenden Geschäftsleuten; die Namen der Stifter und das genaue Datum der Errichtung sind mit schwarzer Kalligraphie sauber auf die Rückseite der Holzsäulen gepinselt. Überall am Wegesrand begegneten uns zudem steinerne Fuchsstatuen, die treuen Boten Inaris, die eiserne Schlüssel zu den Getreidespeichern im Maul trugen. Wir wanderten stundenlang durch die roten Lichtkorridore, in denen die morgendliche Sonne bizarre, warme Schatten auf das feuchte Kopfsteinpflaster warf.

Auf eigene Faust traten wir den Rückweg an. Wir nutzten die Bahnverbindung zurück in die Stadt, stiegen in die U-Bahn und steuerten ein winziges Gyoza-Spezialitätenrestaurant an. Gyoza sind im Grunde die absolute Krönung der fernöstlichen Teigtaschenkunst: Unten in der Pfanne kross und goldbraun angebraten, oben zart gedämpft, gefüllt mit einer saftigen Melange aus Schweinehack, frischem Kohl, würzigem Ingwer und feinem Knoblauch. Serviert wurden sie mit gleich drei meisterhaften Dipsaucen – einer cremigen Variante aus Mayonnaise, Tahini und Honig, einer feurigen Mischung aus Sojasauce, Essig und Chiliöl sowie einer herrlich erfrischenden Ponzu-Zitronensauce.

Frisch gestärkt tauchten wir anschließend in das bunte Gewoge des Nishiki Market ein. Diese schmale, über 400 Meter lange überdachte Marktgasse wird seit über 700 Jahren von den Einheimischen ehrfürchtig als „Kyotos Küche“ bezeichnet. An über hundert dicht gedrängten Ständen bieten Händlerfamilien in dritter und vierter Generation kulinarische Schätze an: fangfrischen Thunfisch, kunstvoll eingelegtes Gemüse, handgeschmiedete japanische Küchenmesser und verschiedenstes Streetfood.

Wir kosteten knusprige Takoyaki am Spieß und herrlich duftende Ebi-Tempura – riesige Riesengarnelen in federleichtem Ausbackteig. Mitten im dichten Markttreiben stießen wir völlig unerwartet auf den winzigen Nishiki-Tempel, den man im Jahr 1869 direkt zwischen quirlige Imbissbuden und enge Bekleidungsgeschäfte gebaut hatte, und an dem die Geschäftsleute bis heute täglich für guten Brandschutz und reiche Einnahmen beten.

Am Nachmittag zogen plötzlich bleischwere, dunkle Wolken über der Stadt auf, und ein kalter Dauerregen setzte ein. Wir flüchteten uns in einen großen Supermarkt, deckten uns mit Proviant für den anstehenden Reisetag ein und traten den vorzeitigen Rückzug ins Hotel an. Einige Gruppenmitglieder verzichteten angesichts der üppigen Marktverkostungen am Abend ohnehin freiwillig auf eine weitere warme Mahlzeit. Wir packten unsere Koffer – am nächsten Morgen riefen bereits die wilden Gebirgswalmpfade.

19. März 2026: Auf den Spuren der Samurai über den Nebelpass (Nakasendo)

Punkt 7:30 Uhr begann unser Morgen mit einem sportlichen Sprint durch die drängende Rushhour von Kyoto. Am Hauptbahnhof kletterten wir in den wartenden Shinkansen, der uns in einer knappen halben Stunde nach Nagoya katapultierte. Dort verließen wir die Hochgeschwindigkeitstrasse, eilten über den Bahnsteig und stiegen in den Limited Express der Chuo-Linie um.

Kaum rollte der Zug aus den städtischen Vororten heraus, entpuppte sich die Strecke nach Nakatsugawa als wahrer landschaftlicher Leckerbissen. Die Schienen wanden sich eng an den reißenden, grün schäumenden Kiso-Fluss geschmiegt durch tief eingeschnittene Felsenschluchten. Während die Motoren des Triebwagens spürbare Steigungen von bis zu 15 Promille überwanden, öffneten sich zwischen den bewaldeten Bergflanken immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die schneebedeckten, im Morgenlicht blitzenden Gipfel der Japanischen Zentralalpen.

Am Bahnhof stiegen wir um und erreichten das historische Bergdorf Magome. Hier begann unsere große Fußwanderung auf dem Nakasendo – jener legendären mittelalterlichen Gebirgspoststraße, die während der Edo-Zeit die alte Kaiserstadt Kyoto über hunderte Kilometer durch das wilde Landesinnere mit dem Shogunssitz Edo, dem heutigen Tokio, verband. Der acht Kilometer lange Abschnitt zwischen den Poststationen Magome und Tsumago hat die Jahrhunderte nahezu unversehrt überstanden und empfing uns als lebendiges Freilichtmuseum.

Mein Unplüschiger schulterte den Rucksack und trug mich Schritt für Schritt über uraltes, von unzähligen Sandalen und Pferdehufen glatt poliertes Kopfsteinpflaster. Bald ließ der Weg die letzten Häuser hinter sich und ging in schmale, wurzelige Waldpfade und knarrende Holzstege über. Wie ein vergessenes Band zog sich die Route durch Zeit und ziehenden Bergnebel. Hohe Bambushaine flüsterten leise im aufkommenden Wind, während dickes, sattgrünes Moos die feuchten Böschungen wie schwerer Samt überzog. Aus dem dichten Unterholz drang unablässig das helle Rauschen und Gurgeln zahlloser klarer Gebirgsbäche. Hoch oben in den dunklen Baumwipfeln riefen Meisen und unsichtbare Buschlerchen einander zu, begleitet vom trockenen, rhythmischen Hämmern der Spechte an den alten Stämmen. Wo die Sonne durch das Kronendach brach, huschten flinke Eidechsen über die angewärmten Randsteine.

In regelmäßigen Abständen standen am Pfadrand massive Holzpfosten, an denen schwere gusseiserne Glocken samt Schlagklöppel hingen. Hinweistafeln forderten jeden Wanderer nachdrücklich dazu auf, im Vorbeigehen kräftig zu läuten, um die in diesen dichten Bergwäldern heimischen wilden Kragenbären rechtzeitig vor menschlicher Annäherung zu warnen. Während der helle Metallklang durch das Unterholz hallte, spitzte ich im Rucksack aufmerksam meine Plüschohren. Eine persönliche Begegnung mit einem wildlebenden, pelzigen Verwandten wäre aus soziologischer Sicht zweifellos von hohem Interesse gewesen – doch ein zivilisierter Expeditionsbär bevorzugt im Zweifelsfall geregelte Verhältnisse ohne scharfe Krallen.

Kein Kragenbär kreuzte unseren Pfad, und so erreichten wir unbehelligt die Scheitelhöhe des Magome-Passes. Unter dem tiefgezogenen Dach eines kleinen, betagten Rasthauses legten wir eine wohlverdiente Verschnaufpause ein. Freundliche Hände reichten uns einfachen, aber herrlich heißen grünen Tee in schlichten Pappbechern. Draußen auf einer verwitterten Holzbank ließ sich mein Träger nieder und öffnete unsere mitgebrachten Bentoboxen. Kunstvoll arrangiert lagen dort weißer Reis, bunt eingelegtes Berggemüse und feine Omelettstreifen nebeneinander. Während wir speisten, atmeten wir die kühle Höhenluft ein, die schwer nach feuchten Kiefernnadeln und weiter Ferne duftete.

Vom Pass aus führte der Pfad stetig bergab nach Tsumago, und mit jedem Schritt glich der Abstieg einer vollkommenen Zeitreise. Dieses abgeschiedene Talörtchen war einst die allererste historische Siedlung Japans, die komplett unter strengen Denkmalschutz gestellt wurde. Als wir zwischen die Häuser traten, suchte das Auge vergebens nach den üblichen Zeugnissen der Moderne: Kein einziger oberirdischer Strommast störte das Bild, keine grellen Reklameschilder blinkten, kein profaner Asphalt bedeckte den Boden. Stattdessen säumten tiefdunkle, zweistöckige Holzhäuser mit flachen, steinbeschwerten Schindeldächern und feinen hölzernen Gitterfenstern die schmale Pflastergasse. Aus einer winzigen traditionellen Bäckerei wehte uns süßer Dampf entgegen. Wir traten an den Tresen und erstanden frische Nikuman – kochend heiße, wolkenweiche Hefeklöße direkt aus dem Bambusdämpfer. Eine Variante war mit edlem Matcha-Pulver zartgrün gefärbt und barg im Inneren süße rote Anko-Bohnenpaste, die andere überzeugte meinen Begleiter mit einer deftigen, würzigen Fleischfüllung.

Gestärkt ließen wir Tsumago hinter uns und wanderten weiter talwärts, bis der breite Kiso-Fluss wieder vor uns auftauchte. Über die Fluten spannte sich dort die historische Momosuke-Brücke – eine über 80 Meter lange, kühn aus Holz errichtete Hängebrücke, deren Planken unter unseren Schritten leicht mitschwangen. Kurz darauf erreichten wir den kleinen Bahnhof von Nagiso und kehrten aus dem Zeitalter der Samurai zurück in die Welt der Eisenbahn.

Der bereitstehende Zug trug uns auf einer 85 Kilometer langen Fahrt nach Matsumoto noch tiefer in das japanische Hochgebirge hinein. Unverdrossen kletterte die Bahn mit Steigungen von bis zu 25 Promille an den steilen Felswänden empor und tauchte schließlich in die Schwärze des exakt 2.656 Meter langen Kamuriki-Tunnels ein.

In der Alpenstadt Matsumoto angekommen, brachte uns ein örtlicher Regionalbus vom Bahnhof zu unserem heutigen Quartier, einem traditionellen Ryokan. Als mein Unplüschiger die hölzerne Schiebetür zu unserem Zimmer zur Seite schob, entwich ihm ein leiser, schicksalsergebener Seufzer. Der Blick fiel abermals auf ein völlig bettenloses Gemach, in dem bereits die flachen Futon-Matten auf dem geflochtenen Tatamiboden auf unseren Rücken warteten.

„Schlafen wird ohnehin völlig überbewertet“, brummte er trocken in den Raum, prüfte die Heizung und fügte versöhnt hinzu: „Aber wenigstens ist die Bude hier warm!“

Was der Unterkunft an Matratzenhöhe fehlte, machte die Küche am Abend durch kulinarische Höchstleistungen wett. Das mehrgängige Kaiseki-Festmahl im Speisesaal entschädigte für jede einzelne Schramme des langen Wandertages. Im Mittelpunkt stand butterzartes Rindfleisch, das in einer unvergleichlich tiefen, aromatischen Brühe am Tisch vor sich hin köchelte, begleitet von frisch gebackenen, krachend knusprigen Frühlingsrollen. Als absolutes kulinarisches Wagnis des Abends servierte man uns zudem frittierten Fugu – jenen berüchtigten japanischen Kugelfisch, dessen Innereien ein tödliches Nervengift bergen, sofern der Meister am Messer bei der Präparation auch nur einen Millimeter danebenschneidet. Unser Koch verstand sein lizenziertes Handwerk offenkundig bis zur Perfektion: Wir genossen das feste, weiße Fischfleisch und überstanden das Mahl bei allerbester Gesundheit.

20. März 2026: Die schwarze Krähenburg und der Geist des Miso (Matsumoto – Nagano)

Der Morgen im Ryokan von Matsumoto begann mit einem Frühstück, das mein Unplüschiger inzwischen mit einer gewissen heiteren, philosophischen Resignation über sich ergehen ließ. Auf dem niedrigen Tisch versammelten sich gegrillter Lachs, kalte Tofublöcke, sauer eingelegtes Gemüse und die unumgängliche Schale Miso-Suppe. Seine ganze ungeteilte Aufmerksamkeit galt an diesem Morgen jedoch einem Schälchen mit winzigen, getrockneten Babysardinen. Er hob eines der federleichten Geschöpfe vorsichtig mit den Holzstäbchen empor und betrachtete es prüfend.

„Ausgewachsen sind diese Kollegen ja schon kaum mehr als hohles Fingerfood“, murmelte er kopfschüttelnd. „Aber im Babystadium dienen sie wohl einzig und allein dazu, uns Ausländern am frühen Morgen die Feinmotorik mit den Stäbchen anzutrainieren.“

Nachdem der Geschicklichkeitstest erfolgreich absolviert war, traten wir vor das Portal in einen strahlenden, glasklaren Frühlingsmorgen hinaus. Die Chefin des Hauses war uns persönlich vor die Tür gefolgt und verbeugte sich zum Abschied vor jedem einzelnen Gast mit einer derart rührenden, tiefen Höflichkeit, dass man sich fast wie ein scheidender Landesfürst vorkam. Hoch über den Dächern der Stadt glänzten am Horizont die schneebedeckten Dreitausender der Japanischen Alpen im scharfen Morgenlicht. Wir bestiegen den „Highland Express“-Bus, rollten zum Bahnhof Matsumoto und schlossen unser überflüssiges Handgepäck dort kurzerhand in die Schließfächer ein.

Mit leichtem Schritt machten wir uns zu Fuß auf den Weg durch die Stadt bis zur berühmten Burg Matsumoto. Im krassen Gegensatz zur strahlend weißen Reiherburg von Himeji ragte uns hier ein finsterer, ehrfurchtgebietender Koloss entgegen: Wegen ihrer tiefschwarzen Holzvertäfelung und der weit ausladenden Seitenflügel trägt die Festung im ganzen Land den Beinamen „Krähenburg“. Ihr fünfstöckiger – im Inneren jedoch sechs Geschosse bergender – Hauptturm stammt aus dem späten 16. Jahrhundert und ist der älteste original erhaltene Burgturm ganz Japans. Vor der Kulisse der blendend weißen Schneegipfel der Alpen im Hintergrund hob sich die pechschwarze Silhouette des Bauwerks mit dramatischer Schärfe vom blauen Himmel ab.

Im Gegensatz zu vielen Bergfestungen wurde die Krähenburg als klassische Niederungs- und Wasserburg konzipiert, ringsum geschützt durch dreifache, breite Wassergräben, massive Steinwälle, mehrstufige Wehrtore und einstige Zugbrücken. Im Inneren des dunklen Wehrturms hieß es wieder: auf Strümpfen klettern. Wir arbeiteten uns über extrem steile, von Jahrhunderten blank gescheuerte Holzstiegen von Boden zu Boden empor, deren Neigungswinkel eher an Hühnerleitern als an repräsentative Treppen erinnerten. In den dicken Außenwänden klafften überall unzählige Schießscharten für Bogenschützen und Arkebusen sowie schräge Fallklappen, durch die man einst kochendes Wasser oder Felsbrocken auf Angreifer hinabstürzte. Von der obersten Wachplattform aus entschädigte ein grandioses Panorama über die gesamte Alpenkette für die Kletterei. Als wir später wieder am äußeren Burggraben standen, zogen im glasklaren, leicht grünlich schimmernden Wasser riesige, bunte Nishiki-Koi neben weißen Schwänen majestätisch ihre Bahnen – lebendige Symbole für unerschütterliche Ausdauer und Glück.

Von der wehrhaften Geschichte der Samurai wanderten wir weiter zu einem kulinarischen Grundpfeiler des Landes. Wir besuchten die traditionsreiche Miso-Brauerei Ishii Miso, die bereits seit dem Jahr 1868 nach unveränderten Methoden arbeitet. Als wir die alten, dämmrigen Speicherhallen betraten, empfing uns ein schwerer, erdig-würziger Duft nach Fermentation. Hier reift die kostbare Sojabohnenpaste vollkommen ohne künstliche Wärmezufuhr im natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten bis zu drei volle Jahre lang vor sich hin. Gelagert wird die Masse in gigantischen, mannshohen Fässern aus altem Zedernholz, die von dicken, geflochtenen Bambusreifen zusammengehalten werden und jeweils bis zu viereinhalb Tonnen Paste fassen, beschwert mit aufgeschichteten Flusssteinen. Ein Braumeister erklärte uns geduldig das jahrhundertealte Zusammenspiel aus gedämpften Sojabohnen, Reis, edlen Koji-Schimmelpilzkulturen, Salz und klarem Alpenwasser. Die anschließende Verkostung im Hof fand die ungeteilte, begeisterte Zustimmung meines Unplüschigen: Man reichte uns eine dreijährige Miso-Suppe, die hier jedoch nicht mit der üblichen fischigen Algenbrühe, sondern auf Basis einer kräftigen Rinderbrühe angesetzt war – ein geschmacklicher Volltreffer.

Nach so viel ehrwürdigem Handwerk schlug das Pendel am Mittag radikal in Richtung moderner Popkultur und Avantgarde aus. Wir steuerten das städtische Kunstmuseum von Matsumoto an. Da der heutige zwanzigste März in Japan als offizieller gesetzlicher Feiertag zum Frühlingsanfang begangen wurde, strömten Tausende Einheimische in die Hallen, um dort eine große Sonderausstellung zum 50. Geburtstag der Kultfigur Hello Kitty zu feiern. Staunend wanderten wir durch ein Meer aus Rosa und Plüsch. Auf einer Tafel erfuhren wir das tiefere philosophische Geheimnis hinter dem Design des Kätzchens: Die Schöpfer aus dem Hause Sanrio hatten der Figur ganz bewusst keinen Mund gezeichnet, um zu symbolisieren, dass wahre Zuneigung keiner Worte bedarf, weil man direkt von Herz zu Herz spricht. Diese edle Botschaft rührte selbst mein gestandenes Bärengemüt. Als wir im Anschluss jedoch auch noch die benachbarte Dauerausstellung der aus Matsumoto stammenden Künstlerin Yayoi Kusama betraten und uns inmitten einer psychedelischen Welt aus überdimensionalen, grellgelben und schwarz gepunkteten Riesenkürbissen sowie endlosen Spiegelräumen wiederfanden, kapitulierten unsere kognitiven Fähigkeiten endgültig.

Um den Punkt-Schwindel aus den Köpfen zu vertreiben, schlenderten wir zurück in die Innenstadt und bogen in die historische Nawate-Dori ein, die im Volksmund nur die „Froschstraße“ genannt wird. Überall blickten uns kleine steinerne und bronzene Frösche entgegen. An einem dampfenden Straßenstand belohnten wir uns mit frisch gebackenem Taiyaki – einer heißen, knusprigen Waffel in der detailgetreuen Form eines Fisches, die hier jedoch zur Freude meines Trägers nicht mit der allgegenwärtigen Bohnenpaste, sondern bis in die Schwanzflosse mit heißer, flüssiger Schokolade gefüllt war. Direkt neben den geschäftigen Buden der Froschstraße traten wir noch kurz unter das Tor des Yohashira-Schreins. Das im Jahr 1879 gegründete Heiligtum ist gleich vier hohen Shinto-Gottheiten gleichzeitig geweiht und gilt als Ort, an dem buchstäblich jeder Wunsch Gehör findet; wir beließen es bescheiden bei einem kurzen Gebet für unsere weitere Reisesicherheit.

Am späten Nachmittag hieß es Abschied nehmen von Matsumoto. Am Bahnhof bestiegen wir den Nahverkehrszug der Shinonoi-Linie, der uns über eine Distanz von 66,7 Kilometern hinüber nach Nagano bringen sollte. Die Konstruktion des Triebwagens faszinierte meinen Begleiter sofort: Der Lokführer thronte vorn in einer ungewöhnlich hochgesetzten Kanzel fast direkt unter dem Wagendach, sodass man als Fahrgast frei unter ihm hindurch auf die vorauseilenden Schienen blicken konnte. aberwitzig kletterte die Bahn mit bis zu 25 Promille Steigung an den steilen Berghängen entlang. Oben am kleinen Gebirgsbahnhof Obasute hielt der Zug kurz inne, und durch die Fenster öffnete sich genau jener weltberühmte Panoramablick über das tief unten im Abendlicht liegende, weite Becken von Nagano und den gewundenen Chikuma-Fluss, den japanische Dichter schon seit Jahrhunderten in wehmütigen Versen besingen.

Wenig später rollten wir in Nagano ein. Die berühmte Olympiastadt von 1998 mit ihren rund 360.000 Einwohnern empfing uns am Bahnsteig mit herrlich frischer, klarer Gebirgsluft. Unser Hotel war rasch erreicht und sorgte beim Betreten des Zimmers für spontanen Jubel: Dort standen nicht nur echte, hohe Betten bereit, sondern die Fenster ließen sich sogar weit öffnen, um die kühle Alpenluft hereinzulassen! Den Abend beschlossen wir standesgemäß im Untergeschoss des Bahnhofs in einer kleinen, gemütlichen Ramen-Bar. Vor uns dampfte eine tiefe Schale Nudelsuppe auf der ungewöhnlichen, aber grandiosen Basis einer fruchtigen Tomaten-Hühnerbrühe, reichlich belegt mit zartem Schweinefleisch. Zusammen mit einem großen, eiskalten Bier schlug dieses Festmahl mit unschlagbaren 25 Euro zu Buche.

21. März 2026: Die Riesen von Togakushi und der Schlüssel im Dunkeln (Nagano)

Der Morgen des einundzwanzigsten März begann mit einem handfesten, völlig unerwarteten kulinarischen Kulturschock. Unser Hotel in Nagano verfügte über keinen eigenen Speisesaal, sondern hatte für die Verpflegung seiner Gäste kurzerhand ein Abkommen mit der im Erdgeschoss ansässigen amerikanischen Fast-Food-Kette Wendy’s geschlossen. Und so saßen wir am frühen Morgen statt vor gedämpftem Klebreis, grünen Algen und trockenen Babysardinen plötzlich vor einem Tablett mit heißem Rindfleisch-Burger, knusprigen Pommes frites und einem Becher eiskalter Cola. Ernährungsphysiologisch war dieser Tagesauftakt gewiss fragwürdig, doch nach zwei vollen Wochen im Zeichen von Sojasauce und Tofu begrüßte mein Unplüschiger diese deftige westliche Abwechslung mit unverhohlener Begeisterung.

Solchermaßen mit amerikanischen Kalorien gepanzert, marschierten wir zum Busbahnhof und bestiegen einen Regionalbus, der uns über kurvenreiche Bergstraßen steil hinauf in das bewaldete Hochland von Togakushi auf über 1.200 Meter Höhe schaukelte. Diese abgelegene Gebirgsregion ist in ganz Japan berühmt für ihre fünf uralten Shinto-Schreine, deren Entstehung untrennbar mit dem dramatischen Gründungsmythos der japanischen Sonnengöttin Amaterasu verknüpft ist. Als sich die Sonnengöttin einst aus Zorn über ihren wilden Bruder in einer Felsenhöhle einschloss und die Welt in ewige Finsternis fiel, lockten die übrigen Götter sie mit Tanz und Gelächter wieder heraus; damit sie nie wieder verschwinden konnte, riss ein starker Gott das schwere Felsentor der Höhle aus den Angeln und schleuderte es weit durch die Lüfte – wo es der Sage nach genau hier oben als das zackige Bergmassiv von Togakushi zu Boden krachte.

Wir verließen den Bus am Ausgangspunkt zum innersten Heiligtum, dem Okusha-Schrein. Hier oben in den Bergen hatte der Winter das Feld noch keineswegs geräumt. Unter den Sohlen meines Trägers knirschte harter, vereister Altschnee, als wir auf den langen, schnurgeraden Pilgerpfad traten. Nach einer Weile durchschritten wir ein hölzernes Tor, und plötzlich wandelte sich der Wald zu einer Naturkathedrale von atemberaubender Erhabenheit: Über zwei Kilometer zog sich der Weg durch eine monumentale Allee aus über 400 Jahre alten, himmelhohen Sugi-Riesenzedern. Wie die Pfeiler eines gigantischen Doms ragten die rotbraunen, kerzengeraden Stämme rechts und links aus der Schneedecke in das Himmelsblau. Am Wegesrand blickten uns aus einer Schneewehe sechs kleine, verwitterte und dick mit grünem Moos überzogene Jizo-Steinstatuen friedlich entgegen. Weniger friedlich wirkten hingegen die grellgelben Blechschilder an den Bäumen, die den Wanderer eindringlich vor den hier oben lebenden wilden Kragenbären warnten – die angesichts der geschlossenen Schneedecke hoffentlich noch tief in ihren Winterhöhlen schlummerten.

Vom innersten Schrein wanderten wir talwärts weiter zum mittleren Heiligtum, dem Chusha-Schrein. Auch hier gaben die Baumriesen den Ton an: Direkt vor dem Vorplatz ragten die berühmten Sanbon Sugi in den Himmel – drei wahrhaft gigantische, über 800 Jahre alte Zedern, die vor Jahrhunderten in Form eines exakten gleichseitigen Dreiecks gepflanzt worden waren und deren gewaltige Stämme an der Basis beinahe miteinander verschmolzen.

Die klare, schneidende Höhenluft machte hungrig, und Togakushi hielt genau die richtige Antwort bereit. Zum Mittagessen kehrten wir in ein traditionelles, gemütliches Holzhaus ein, um das unangefochtene kulinarische Aushängeschild der Bergregion zu kosten: echte Togakushi-Soba. In diesem rauen Hochland gedeiht kein Reis, wohl aber erstklassiger Buchweizen. Vor unseren Augen wurden die dünnen, graubraunen Buchweizennudeln nach alter Kunst von Hand aus lokalem Mehl geknetet, geschnitten, kurz gekocht und anschließend sofort in eiskaltem, glasklarem Gebirgsquellwasser abgeschreckt. Serviert auf kleinen runden Bambussieben, aß man sie kalt mit einer kräftigen Tunken-Sauce und scharfem, frisch geriebenem Wasabi. Dazu reichte uns der Wirt eine Kanne Lapsang Souchong – einen über offenem, harzigem Kiefernfeuer getrockneten Schwarztee, dessen intensives, schweres Raucharoma perfekt mit der kühlen Bergwelt vor den Fenstern harmonierte.

Am Nachmittag rollten wir mit dem Bus wieder hinab ins Tal nach Nagano und pilgerten zu Fuß zum spirituellen Herz der Stadt: dem gewaltigen Zenkō-ji-Tempel. Bereits im 7. Jahrhundert gegründet, bevor sich der japanische Buddhismus in verschiedene konkurrierende Schulen aufspaltete, gilt dieses überkonfessionelle Heiligtum bis heute als ein Ort, den jeder gläubige Japaner mindestens einmal in seinem Leben besucht haben muss. Wir schritten unter dem mächtigen Niō-mon-Wächtertor hindurch und passierten das zweistöckige, monumental aufragende Sammon-Holztor aus dem Jahr 1750, bis sich vor uns die gewaltige Haupthalle erhob – mit über 53 Metern Tiefe und ihrem geschwungenen Zypressenrindendach einer der größten historischen Holzbauten des gesamten Inselreichs.

Im abgedunkelten Inneren dieser Halle ruht der größte Schatz des Tempels: das Ikko Sanzon Amida Nyorai. Es handelt sich um ein goldenes Buddha-Trio, das der Überlieferung nach bereits im Jahr 552 von Korea aus über das Meer nach Japan gelangte und damit als die allerälteste Buddha-Statue des gesamten Landes verehrt wird. Doch kein sterbliches Auge bekommt dieses Kunstwerk zu Gesicht. Das Originalbildnis gilt als derart unermesslich heilig, dass es auf ewige Zeiten in einem verschlossenen Schrein verborgen bleibt; selbst der oberste Abt des Klosters darf es nicht ansehen. Lediglich alle sechs Jahre öffnet man unter gewaltigem Pilgeransturm die Türen einer äußeren Kammer, um den Gläubigen zumindest eine exakte historische Replik der Statue zu präsentieren.

Wer dem verborgenen Buddha dennoch ganz nahe kommen will, muss in die Unterwelt hinabsteigen. Und genau das taten wir: Rechts neben dem Hauptaltar stiegen wir die Stufen hinab in das Kaidan-meguri – einen unterirdischen, direkt unter dem Allerheiligsten angelegten Tunnelgang. Kaum hatten wir die untere Biegung erreicht, schluckte uns zum zweiten Mal auf dieser Reise eine vollkommene, undurchdringliche Finsternis. Kein einziger Lichtstrahl drang in dieses hölzerne Verlies. Während ich im Rucksack die Luft anhielt, tastete sich mein Unplüschiger mit der flachen rechten Hand auf Hüfthöhe Zentimeter für Zentimeter an der glatt polierten Holzwand entlang durch das schwarze Nichts. Das Ziel dieser blinden Wanderung ist das sogenannte „Schloss des Paradieses“: ein schwerer, aus Metall geschmiedeter Riegel, der in der Dunkelheit exakt senkrecht unter der oben im Altarraum verborgenen goldenen Buddha-Statue an der Tunnelwand montiert ist. Wer dieses Eisen im Finstern mit den eigenen Fingern berührt, schließt der Legende nach einen direkten, unauflöslichen Bund mit dem Buddha Amida und sichert sich das feste Versprechen auf Wiedergeburt in dessen Reinem Land. Mein Träger tastete konzentriert über die Planken, bekam das kalte Metallschloss plötzlich zu fassen, ließ es einmal deutlich hörbar in der Stille klicken, und wenige Schritte weiter stiegen wir blinzelnd wieder ans helle Licht der Tempelhalle empor.

Draußen vor den Toren des Tempels empfing uns die einbrechende Dämmerung mit einem zauberhaften Bild. Entlang der langen historischen Pilgerstraße Nakamise-dori und in den umliegenden Gassen hatte man zu einem Frühlingsfest hunderte große, bunt bemalte Papierlaternen – sogenannte Chōchin – aufgestellt, die nun von innen heraus warm in den Abend leuchteten. Zwischen dem Lichtermeer trieb uns der Hunger in eine winzige, dampfende Garküche, die im gesamten Gastraum über gerade einmal zehn schmale Sitzplätze an einem Tresen verfügte. Wir hatten Glück und ergatterten zwei freie Hocker. Mein Unplüschiger bestellte bei dem schwitzenden Meister hinter der Theke eine Schale Curry-Ramen, gekrönt von stundenlang butterzart geschmortem Schweinefleisch. Schon der erste Löffel offenbarte: Es war eine absolute Meisterleistung der schlichten Küchenkunst.

Auf dem Rückweg zum Hotel legten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in einem hell erleuchteten 7-Eleven-Supermarkt ein, um unsere Getränkevorräte für den kommenden Reisetag aufzufüllen. Oben im Zimmer wurden anschließend die Koffer strategisch umgepackt, und mein Träger stellte den Wecker gnadenlos auf Punkt 6:00 Uhr morgens. Morgen rief der König aller japanischen Berge.

22. März 2026: Die weiße Krone des Fuji und die hängende Bahn von Ōfuna

Bereits um 6:30 Uhr saßen wir hellwach beim Frühstück. Eine halbe Stunde später, Punkt 7:00 Uhr, traten wir vor das Hotel und bestiegen unseren exklusiv für die Gruppe gecharterten Reisebus. Nach den zahllosen, auf die Sekunde getakteten Bahnfahrten der vergangenen Wochen fühlte sich dieses eigene rollende Wohnzimmer wie ein ungewohnter Luxus an.

Wir ließen die Alpenstadt Nagano hinter uns und glitten auf die Autobahn. Nach anderthalb Stunden Fahrt steuerte der Chauffeur eine große Raststätte an. Mein Unplüschiger schlenderte durch die Auslagen der dortigen Bäckerei und strahlte plötzlich über das ganze Gesicht: Zwischen allerlei süßem Gebäck lagen wahrhaftige Schnitzelbrötchen im allerbesten mitteleuropäischen Stil. Während er genüsslich in das knusprige Brötchen biss, spielte sich draußen auf dem Asphalt des Parkplatzes eine Szene wie aus einem Spionagethriller ab. Drei schwere, an sämtlichen Fenstern massiv vergitterte Spezialbusse rollten in geschlossener Formation heran. Kaum standen die Räder still, sprangen Männer in dunklen Maßanzügen sowie streng blickende Uniformierte heraus und sicherten das Umfeld ab. Unser eigener Busfahrer hüllte sich beim Anblick dieser Kolonne in eisernes Schweigen und weigerte sich standhaft, uns neugierigen Reisenden auch nur die geringste Auskunft über die Natur dieses geheimnisvollen Transports zu geben.

Wir ließen die dunklen Herren stehen und setzten unsere Fahrt durch die bergige Präfektur Yamanashi fort. Zweieinhalb Stunden waren vergangen, als der Bus um eine weite Kurve bog und er hinter einer vorgelagerten Bergkette plötzlich in voller Größe vor uns auftauchte: der Fuji-san.

Mit seinen 3.776 Metern Höhe ist er nicht nur der höchste Gipfel Japans, sondern das unangefochtene, heilige Nationalsymbol des gesamten Inselreichs. Da unser großer Reisebus die schmale Zufahrt zum eigentlichen Aussichtspunkt nicht passieren durfte, hielten wir weiter unten an. Mein Träger schulterte den Rucksack und überwand die letzten 160 Höhenmeter schnaufend zu Fuß. Doch der freie Blick von dort oben entschädigte augenblicklich für jeden einzelnen Schweißtropfen. Vollkommen wolkenlos, in seiner nahezu perfekten, symmetrischen Kegelform und gekrönt von einer blendend weißen Schneehaube, hob sich der gewaltige Vulkan makellos gegen den tiefblauen Frühlingshimmel ab.

Seit vielen Jahrhunderten pilgern die Menschen an diesen Fuß, um im Angesicht des Berges spirituelle Reinigung zu erfahren. Die weltberühmten Farbholzschnitte des alten Meisters Hokusai haben diese erhabene Silhouette einst unsterblich gemacht. Dabei schläft das Ungeheuer unter dem ewigen Eis nur: Der Fuji ist ein höchst aktiver Schichtvulkan. Sein letzter verheerender Ausbruch im Jahr 1707 – der historische Hōei-Ausbruch – schleuderte derartige Mengen schwarzer Vulkanasche in die Stratosphäre, dass sich selbst im hundert Kilometer entfernten Tokio der Himmel am helllichten Tag verfinsterte. Heute jedoch ruhte der weiße Riese in majestätischer, unerschütterlicher Stille über dem Land, während tief zu seinen Füßen an den glitzernden Ufern des Kawaguchi-Sees zehntausende gut gelaunte Ausflügler das sonnige Feiertagswochenende im Freien genossen.

Am späten Nachmittag rissen wir uns von diesem Anblick los, und der Bus rollte weiter an die Pazifikküste bis zu unserem heutigen Tagesziel: Ōfuna, einem südlichen Stadtteil der alten Schogunstadt Kamakura. Schon bei der Einfahrt in den Ort blickte uns hoch oben von einem bewaldeten Hügel eine monumentale, 25 Meter hohe und strahlend weiße Betonbüste der Göttin Kannon entgegen, die stumm und gütig über das Dächermeer wacht.

Die eigentliche Sensation für meinen technikbegeisterten Unplüschigen hing jedoch nicht am Berghang, sondern mitten über den belebten Straßen: die Shōnan Monorail. Bereits seit dem Jahr 1970 verbindet diese waghalsige Hänge-Einschienenbahn den Bahnhof von Ōfuna mit der nahen Küsteninsel Enoshima. Das technische Prinzip dahinter ließ selbst meine Knopfaugen staunen: Die Waggons fahren nicht auf Schienen, sondern hängen frei schwebend unter einem massiven, grauen Stahlkastenträger. Im Inneren dieses Trägers rollen die Drehgestelle auf luftgefüllten Gummireifen, kräftig vorangetrieben von 750-Volt-Gleichstrommotoren. Wir lösten ein Ticket, kletterten in die Gondel, und schon schoss das Gefährt los. Mit bis zu 75 Kilometern pro Stunde sausten wir in luftiger Höhe direkt über die Dächer der wartenden Autos, über Ampeln und Straßenkreuzungen hinweg. Dank ihrer speziellen Aufhängung legte sich die Bahn in den engen Windungen wie ein schweres Motorrad schräg in die Kurven – eine spektakuläre, hochgradig vergnügliche Kreuzung aus der heimischen Wuppertaler Schwebebahn und einer wilden Achterbahn auf dem Jahrmarkt.

Nach diesem rasanten Tiefflug unter dem Stahlträger verlangte der Abend nach ruhigerer Einkehr. Wir suchten eine traditionelle Sushi-Kneipe auf, in der man uns im eigenen Sud gedämpfte Muscheln, taufrische Meeresfrüchte und allerlei kleine Porzellanschälchen mit fein mariniertem Fisch auftischte. Einzig das als Beilage gereichte Weißbrot erwies sich als handfeste kulinarische Zumutung: Die Scheiben waren derart staubtrocken geraten, dass sie jedem Schiffszwieback Konkurrenz gemacht hätten.

Wenig später bezogen wir unser örtliches Hotelzimmer, das mit einer ganz besonderen architektonischen Finesse aufwartete. Sämtliche Fenster des Raumes bestanden aus dickem, gemustertem und vollkommen blickdichtem Milchglas. Kein einziger Blick nach draußen war möglich.

Mein Unplüschiger klopfte prüfend gegen die trübe Scheibe und lachte trocken: „Also so grauenhaft war die Aussicht auf Ōfuna beim Herfahren nun auch wieder nicht.“ Wir zogen die Vorhänge vor das blinde Glas und fielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

23. März 2026: Das heilige Quellwasser und der Puls von Takadanobaba

Der Morgen begann in unserem fensterblinden Hotel an einem überschaubaren Frühstücksbuffet, an dem sich zu dieser frühen Stunde fast ausschließlich einheimische Berufspendler drängten. Es herrschte eine fast unheimliche Effizienz: Während der Blick der Anzugträger starr und unverwandt auf das leuchtende Smartphone in der linken Hand gerichtet blieb, schaufelte die rechte Hand im Sekundentakt gedämpften Reis und heiße Miso-Suppe in den Mund.

Wir ließen uns von dieser morgendlichen Eile nicht anstecken, fuhren mit einem kurzen Nahverkehrszug ein Stück weiter an die Küste und stiegen in Kamakura aus. Zwischen den Jahren 1185 und 1333 schlug in dieser malerischen Küstenstadt das politische Herz des gesamten Reiches: Hier residierte das allererste Militär-Shogunat, womit Kamakura als die eigentliche historische Geburtsstätte der jahrhundertelangen Samurai-Herrschaft gilt. Am Bahnhof wechselten wir in die charmante, grün-gelb lackierte Enoden-Straßenbahn. Auf schmaler Spur rumpelte der nostalgische Triebwagen so haarscharf durch die engen Wohnviertel, dass man aus dem Fenster beinahe die Hecken und Briefkästen der Vorgärten hätte berühren können.

Unsere erste Station war der ehrwürdige Hase-dera-Tempel, dessen hölzerne Hallen sich in mehreren Terrassen malerisch an den steilen, bewaldeten Berghang hoch über der Meeresbucht von Yuigahama schmiegen. Der Gründungsmythos dieses Ortes reicht weit bis in das 8. Jahrhundert zurück. Damals, im Jahr 721, ließ der fromme Mönch Tokudo aus dem Stamm eines einzigen, gigantischen Kampferbaumes zwei identische Statuen der barmherzigen Göttin Kannon schnitzen. Während die eine Figur in einem Tempel bei Nara verblieb, übergab man die zweite Statue mit einem Gebet den Wellen des Meeres, damit sie dort an Land gespült werde, wo die Menschen ihrer Erlösung bedurften. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 736, strandete das leuchtende Holzbildnis der Legende nach nahe Kamakura, woraufhin man ihr genau diesen Tempel errichtete.

Als wir die Stufen erklommen und in das schummrige Innere der großen Kannon-dō-Haupthalle traten, stockte uns unwillkürlich der Atem. Aus dem goldenen Halbdunkel ragte die elfköpfige Hase-Kannon vor uns auf – mit exakt 9,18 Metern Höhe eine der gewaltigsten vergoldeten Holzskulpturen ganz Japans. Auf ihrem Haupt trägt die Göttin einen Kranz aus zehn kleineren zusätzlichen Gesichtern, die mit sanfter Miene gleichzeitig in sämtliche Himmelsrichtungen blicken, um das vielfältige Leiden der irdischen Wesen lückenlos zu erfassen und sofortige Barmherzigkeit zu spenden. Vollkommen ergriffen traten wir wieder ins Freie auf die breite hölzerne Aussichtsplattform des Tempels, von der aus sich ein weiter, glitzernder Blick über die Bucht und den offenen Pazifik bot. Da der Küstenwind noch recht frisch um meine Ohren pfiff, zog mein Unplüschiger an einem der allgegenwärtigen Getränkeautomaten eine kochend heiße Blechdose. Es war süße, heiße Zitrone – ein Getränk aus dem Leichtmetallzylinder war zwar gewöhnungsbedürftig, wärmte die klammen Finger meines Trägers jedoch ganz vorzüglich.

Nur wenige Gehminuten die Straße hinauf wartete im Kōtoku-in-Tempel bereits der nächste Riese auf unsere Aufwartung: der weltberühmte Große Buddha, der Daibutsu von Kamakura. Seit dem Jahr 1252 thront diese 13,35 Meter hohe und stolze 93 Tonnen schwere Monumentalstatue des Amida-Buddha mit halb geschlossenen Augen im Lotussitz. Ursprünglich war auch dieser grünlich patinierte Bronzekoloss von einer gewaltigen hölzernen Tempelhalle umschlossen. Doch nachdem zunächst schwere Taifune das Dach zerstört hatten, rollte im Jahr 1498 nach einem schweren Seebeben ein gewaltiger Tsunami vom Pazifik her in das Tal und spülte die gesamten umliegenden Holzbauten restlos ins Meer hinaus. Einzig der schwere Bronzeriese trotzte den Naturgewalten und meditiert seither vollkommen ungerührt von Sonne, Regen oder Schnee unter dem freien Himmel. Auf dem steinernen Opfertisch direkt vor seinen verschränkten Händen lagen zur Ehre des Erleuchteten mehrere Körbe voller praller, rotwangiger Opferäpfel. Mein Unplüschiger beäugte das frische Obst mit unverhohlen hungrigem Blick, ließ die Finger jedoch aus gebührendem Respekt vor dem Hausherrn brav bei sich.

Vom bronzenen Buddha aus schlugen wir uns in die bewaldeten Hügel hinter der Stadt und wanderten durch tief ausgespülte, schattige Hohlwege hinauf zum Zeniarai-Benten-Schrein. Dieses ungewöhnliche Heiligtum ist von außen unsichtbar, da es komplett im Inneren eines natürlichen Felsenkessels liegt und nur durch einen eng in das nackte Gestein gehauenen Felstunnel betreten werden kann. Der erste Shogun Minamoto no Yoritomo hatte diesen Ort einst gegründet, nachdem ihm im Traum eine Gottheit erschienen war und ihm diese verborgene Bergquelle als Schlüssel zu Frieden und Wohlstand gewiesen hatte.

Wir waren jedoch nicht nur zum Staunen hierhergeklettert, sondern wollten uns aktiv dem berühmten Ritual der örtlichen „Geldwäsche“ hingeben. Für einen schmalen Obolus von 200 Yen lieh sich mein Träger am Schreinbüro das offizielle Arbeitsgerät aus: eine weiße Kerze, ein Bündel duftendes Räucherwerk sowie ein kleines, flaches Körbchen aus geflochtenem Bambus. Mit diesem Rüstzeug traten wir in die feuchte Felshöhle, in der das klare Gebirgswasser aus dem Stein sprudelte. Der alte Volksglaube verspricht ein wunderbares ökonomisches Wunder: Wer seine Münzen und Banknoten in das Bambussieb legt und sie mit einer Schöpfkelle gründlich im heiligen Quellwasser der Höhle abspült, dem wird sich das gewaschene Kapital im Laufe des Lebens um ein Vielfaches vermehren – allerdings unter der klugen Bedingung, dass man das feuchte Geld nicht geizig hortet, sondern zeitnah wieder unter die Leute bringt. Mein Unplüschiger legte pflichtbewusst einige Yen-Scheine in den Korb und übergoss sie reichlich mit dem geweihten Nass. Die mitreisenden Banker aus unserer Reisegruppe gingen bei dieser Renditeaussicht gleich aufs Ganze: Sie zückten ihre heimischen Brieftaschen und wuschen sicherheitshalber gleich einen ganzen Stapel druckfrischer Fünfzig-Euro-Noten im japanischen Felswasser durch.

Mit tropfnassen Scheinen in der Tasche kletterten wir über steile Waldpfade weiter bergauf, passierten den malerischen Sasuke-Inari- und Ōtōno-jinja-Schrein mit seinen über 200 eng aneinandergereihten zinnoberroten Torii-Toren und stiegen wieder hinab in die Gassen von Kamakura. Dort legten wir einen kurzen Halt in einer traditionsreichen Schmiedemanufaktur ein, in der bis heute rasiermesserscharfe Küchenmesser in reiner Handarbeit nach exakt derselben Methode gefaltet und gehärtet werden wie einst die tödlichen Katana-Schwerter der alten Samurai.

So viel glänzender Stahl und feuchtes Geld machten hungrig. Zur Mittagszeit zwängten wir uns in eine winzige, kaum zwanzig Quadratmeter messende Stube, aus der uns der verführerische Duft von gebratenem Rindfleisch entgegenwehte. Hier gab es keine Reisschalen, sondern echte, vor unseren Augen von Hand geformte und auf den Punkt gebratene Edel-Burger. Mit umgerechnet rund 30 Euro pro Portion war dieses Mahl für japanische Verhältnisse zwar alles andere als ein Schnäppchen, doch die herausragende, saftige Qualität des Fleisches war jeden einzelnen frisch gewaschenen Yen wert.

Am Nachmittag wanderten wir über die breite Pilgerallee zum spirituellen und historischen Zentrum der Stadt: dem großen Tsurugaoka-Hachimangu-Schrein. Am Ende des weiten Platzes stiegen wir über 61 monumentale, steile Steinstufen zur oberen Terrasse hinauf, wo uns die mächtige Haupthalle in leuchtendem Zinnoberrot und mit goldenen Beschlägen entgegenstrahlte. Vor dem Eingang türmten sich mannshohe, kunstvoll mit schwarzer Kalligraphie bemalte Pyramiden aus strohumwickelten Sake-Fässern – edle Spenden der besten Reisweinbrauereien aus dem ganzen Land zu Ehren des Kriegs- und Schutzgottes Hachiman. Als wir später unten an den weiten Lotusteichen des Schreins vorbeischlenderten, spielte sich im trüben Wasser das gewohnte Schauspiel ab: Hunderte wohlgenährte, gefräßige Koi-Karpfen drängten sich am Uferrand und schnappten mit weit aufgerissenen Mäulern fordernd nach Luft und etwaigen Futterbrocken.

Mit diesem Anblick verabschiedeten wir uns von der alten Küstenstadt und setzten zum großen, finalen Sprung unserer Reise an. Am Bahnhof von Kamakura kletterten wir in den Nahverkehrszug in Richtung Norden. Fünfzig Minuten lang rollten die Räder unaufhaltsam durch ein niemals endendes Meer aus Häusern, Fabriken und Vororten direkt in das Herz des Ballungsraums Tokio hinein. An jeder einzelnen Station quollen neue Menschenmassen durch die Schiebetüren, das Abteil füllte sich bis auf den letzten Stehplatz, bis uns der Zug schließlich am belebten Bahnhof Takadanobaba wieder auf den Asphalt spuckte – wir waren endgültig Teil der größten Metropolregion der Erde geworden.

Die Lage unseres dortigen Hotels erwies sich als absoluter Volltreffer. Das Hochhaus ragte unmittelbar gegenüber dem Bahnhofsausgang auf, und wir bezogen unser Quartier hoch oben im 12. Stockwerk direkt über dem pulsierenden Gleisgewirr. Schon in der Lobby hatte man uns auf das Freundlichste empfangen: Eine offene Willkommens-Bar lud sämtliche Hotelgäste dazu ein, sich völlig kostenlos an gutem Whisky, klarem Sake und süßem Pflaumenwein zu bedienen. Unser Zimmer selbst war nach Tokioter Maßstäben zwar schmal geschnitten, überraschte jedoch mit einer skurrilen technischen Ausstattung: Direkt gegenüber der Bettkante hing ein gigantischer 60-Zoll-Fernseher an der Wand, und auf dem Nachttisch unmittelbar neben dem Kopfkissen thronte allen Ernstes eine eigene Mikrowelle für den nächtlichen Heißhunger. Doch kein Bildschirm konnte mit dem echten Fenster konkurrieren: Von unserem zwölften Stock aus blickten wir auf einen spektakulären, blutroten Sonnenuntergang hinter den endlosen Wolkenkratzerschluchten, während tief unter uns im Sekundentakt ein unbeschreibliches nächtliches Lichtermeer aus Millionen Neonröhren aufflammte.

Für das späte Abendessen tauchten wir noch einmal hinab in die Seitenstraßen von Takadanobaba und kehrten in eine kleine, verrauchte Eckkneipe ein. Auf unserem Tisch blubberte bald darauf ein schwerer Eisentopf voller dampfendem Kohl-Fleisch-Eintopf, in dessen kräftiger Brühe butterzart geschmorte Rinderinnereien schwammen. Als wir später zurück ins Hotel traten, war die Nacht über Tokio durch die haushohen Leuchtreklamen noch immer taghell erleuchtet, während wir uns müde und zufrieden in die weichen Kissen drückten.

24. März 2026: Im Spiegelkabinett der digitalen Träume (Tokio I)

Das Frühstück am ersten Morgen in der Hauptstadt symbolisierte unsere endgültige Rückkehr in die westlich geprägte Hemisphäre. Neben frisch gebratenen Spiegeleiern brutzelten auf dem Buffet fingerdicke Scheiben von kräftig gewürztem Bauchfleisch in einer dunklen, herzhaften Sauce vor sich hin – ein Anblick und Geschmack, der einem ehrlichen heimischen Bauernschinken in nichts nachstand.

Wohlgenährt stürzten wir uns in das Verkehrsnetz der Megacity. Mit den grün markierten Zügen der berühmten Yamanote-Ringlinie und der U-Bahn fuhren wir hinüber in den Wolkenkratzerdistrikt von Shinjuku. Kaum traten wir aus dem Bahnhofsgebäude an die frische Luft, mussten wir die Köpfe weit in den Nacken legen: Direkt vor uns ragte der Mode Gakuen Cocoon Tower stolze 204 Meter steil in den Himmel. Dieses architektonische Meisterwerk aus dem Büro Tange Associates wurde im Jahr 2008 vollendet und fällt sofort durch seine ungewöhnliche, leicht bauchige Form ins Auge. Ein dichtes, weißes Diagonalnetz aus Stahlträgern umspannt die dunkle Glasfassade wie ein schützender Seidenraupen-Kokon, in dessen Inneren täglich Tausende junge Modestudenten und Grafikdesigner an ihren Entwürfen feilen.

Vom futuristischen Stahlkokon aus wanderten wir wenige hundert Meter weiter und traten durch das Tor des Shinjuku Gyoen Parks in eine Oase vollkommener Ruhe. Auf einer gewaltigen Fläche von 58 Hektar mitten zwischen den Hochhäusern verschmelzen hier drei völlig unterschiedliche historische Gartenbaukünste zu einer harmonischen Einheit: weite, offene Rasenflächen nach dem Vorbild eines englischen Landschaftsgartens gehen fließend in streng symmetrisch angelegte französische Formalgärten mit Platanenalleen über, bevor man sich plötzlich in einem klassischen japanischen Wandelgarten mit geschwungenen Holzbrücken, stillen Teehäusern und spiegelnden Karpfenteichen wiederfindet. Zum Abschluss schlenderten wir noch durch das große gläserne Gewächshaus des Parks, in dessen feuchtwarmer Luft reife, gelbe Yuzu-Zitronen an den Zweigen hingen und einen betörenden Duft nach herber Zitrusfrucht und süßen Blüten verströmten.

Gegen Mittag verließen wir die grüne Lunge und folgten der Bahnlinie weiter in das angesagte Viertel Harajuku. Da der Magen knurrte, steuerten wir ein kleines, unscheinbares Restaurant an und bestellten eine landestypische Rindfleisch-Bowl, ein sogenanntes Gyūdon. Was kurz darauf vor uns stand, war schlichte Perfektion: hauchdünn geschnittenes, feinstes australisches Rindfleisch, auf den Punkt zart gegart und auf einer tiefen Schale dampfendem Reis angerichtet, gekrönt von süßlich karamellisierten Zwiebelringen und einem rohen, goldgelben Eigelb in der Mitte, das beim Unterrühren alles mit einer cremigen Sauce überzog.

Frisch gestärkt stürzten wir uns in das bunte Getümmel der benachbarten Takeshita-Straße. Diese schmale Fußgängerzone gilt weltweit als das schrille, lautstarke Epizentrum der extremen japanischen Jugendmode, des bunten Cosplays und der schrägen Boutiquen. Doch man muss am Ende dieser schrillen Konsumgasse nur die Straßenseite wechseln, und schon vollzieht sich einer jener typischen, fast unwirklichen Tokioter Szenenwechsel: Wir traten unter die Bäume des Meiji-Schreins, und schlagartig herrschte vollkommene, andächtige Stille.

Mitten im dröhnenden Herzen der Millionenmetropole breitet sich hier ein 70 Hektar großer, undurchdringlicher Urwald aus. Über 120.000 Bäume aus allen Teilen des Kaiserreiches waren beim Bau des Schreins vor hundert Jahren von den Bürgern gespendet und von Hand gepflanzt worden. Über den breiten, unter den Schritten knirschenden Kiesweg wanderten wir unter gewaltigen, naturbelassenen Holztorii hindurch, deren armdicke Säulen aus über 1.500 Jahre altem, duftendem Zypressenholz geschlagen wurden und den Eingang zum Heiligtum des reformfreudigen Meiji-Kaisers markieren. Am Rande der schattigen Waldallee blieben wir staunend vor zwei gegenüberliegenden Galerien stehen: Während sich auf der einen Wegseite wie gewohnt hunderte kunstvoll bemalte, strohumwickelte Sake-Fässer – die Kazaridaru – stapelten, lagerten auf der exakt gegenüberliegenden Seite schwere, dunkle Eichenholzfässer voller Rotwein aus dem fernen französischen Burgund. Da der Meiji-Kaiser im späten 19. Jahrhundert nicht nur das Land radikal modernisierte, sondern auch persönlich ein großer Liebhaber westlicher Lebensart und französischer Weine war, zollen ihm die Winzer aus Übersee bis heute auf diese charmante Weise ihren flüssigen Tribut.

Vom stillen Kaiserwald trug uns die Bahn am Nachmittag nur eine Station weiter in das pulsierende Epizentrum des modernen Großstadtlebens: Wir traten vor den Bahnhof von Shibuya und standen unmittelbar an der wohl berühmtesten Straßenkreuzung des Planeten. Ein unbeschreibliches Schauspiel bot sich unseren Augen. Sobald die Fußgängerampeln an allen Ecken gleichzeitig mit einem elektronischen Piepen auf Grün schalten, setzen sich bei einer einzigen Schaltphase bis zu 2.500 Menschen aus allen Richtungen gleichzeitig in Bewegung – über den Tag verteilt überqueren hier rund eine halbe Million Sohlen den Asphalt. Obwohl die Menschenmassen kreuz und quer und diagonal durcheinanderströmen, umgeben von haushohen, plärrenden Videoleinwänden und wartenden Bussen, gibt es kein einziges Anrempeln, kein Drängeln und keinen Zorn. Der gesamte Strom fließt mit einer faszinierenden, beinahe tänzerischen Harmonie aneinander vorbei. Direkt am Bahnhofsausgang vor dem großen Gewimmel erwiesen wir noch einem berühmten vierbeinigen Kollegen unsere Reverenz: Mein Unplüschiger trat an die kleine Bronzestatue des Hundes Hachikō heran und berührte kurz dessen blank polierte Schnauze. Jener treue Akita-Hund hatte in den 1920er-Jahren an exakt dieser Stelle jeden Abend auf sein von der Arbeit heimkehrendes Herrchen gewartet – und setzte dieses stumme Warten nach dem plötzlichen Tod des Professors noch fast zehn volle Jahre lang bei Wind und Wetter bis zu seinem eigenen Lebensende fort.

Als sich der Nachmittag langsam dem Ende zuneigte, zog es uns hinaus an die Bucht von Tokio. Wir stiegen in die Yurikamome-Linie um – eine vollkommen fahrerlose, computergesteuerte Hochbahn, die auf leisen Gummirädern hoch über den Straßen dahinrollt. Da es im ersten Waggon natürlich keinen Führerstand gab, ergriff mein Unplüschiger die historische Gelegenheit beim Schopfe: Er trug mich ganz nach vorn und setzte mich feierlich direkt hinter die riesige, gebogene Panoramascheibe auf das Armaturenbrett. Mit unerschütterlichem Bärenblick und fest auf die Trasse gerichteten Knopfaugen übernahm ich symbolisch das Kommando über den Zug. In einer weiten, spektakulären 270-Grad-Schleife schraubte sich meine Bahn in die Höhe und glitt dann über die 798 Meter lange, doppelstöckige Rainbow Bridge hoch über den glitzernden Wellen hinüber zur künstlich im Meer aufgeschütteten Freizeitinsel Odaiba.

Kaum hatten wir auf dem Neuland die Bahn verlassen, wähnten wir uns im ersten Moment am falschen Ende der Welt: Direkt vor der Skyline der Rainbow Bridge ragte am Ufer eine originalgetreue, bronzene Replik der Pariser Freiheitsstatue mit erhobener Fackel in den Abendhimmel. Gleich dahinter erhob sich das monumentale Hauptquartier des Fernsehsenders Fuji Television – ein gigantisches Stahlgerüst-Bauwerk des Stararchitekten Kenzo Tange, in dessen oberer Mitte eine 32 Meter durchmessende, silbern glänzende Titan-Aussichtskugel namens „Hachitama“ scheinbar frei in der Luft schwebt. Doch der eigentliche Gigant der Insel wartete auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum DiverCity Plaza auf uns: Dort stand in voller, einschüchternder Lebensgröße der 19,7 Meter hohe, schneeweiße Kampfroboter Unicorn Gundam. Als die Dämmerung einbrach, erwachte der Koloss plötzlich zum Leben: Unter dramatischen Soundeffekten und bunten Lichtblitzen klappten seine schweren Rüstungsplatten an Kopf, Schultern und Brust mechanisch auseinander, das Horn am Helm teilte sich, und das Innere des Riesen begann in einem bedrohlichen, grellen Rot zu leuchten.

Dieses mechanische Schauspiel war der perfekte Auftakt für den unbestrittenen künstlerischen Höhepunkt unseres Abends: Wir tauchten ab in die unterirdischen Hallen des Mori Building Digital Art Museums, der neuen Heimat des weltberühmten Künstlerkollektivs teamLab Borderless. Sobald der schwarze Vorhang am Eingang hinter uns zufiel, hörte die gewohnte Welt mit ihren festen Wänden und Böden auf zu existieren. In vollkommen abgedunkelten, labyrinthisch verschlungenen Sälen arbeiteten hunderte unsichtbare Hochleistungsprojektoren und Sensoren Hand in Hand und schufen ein grenzenloses Universum aus reinem, lebendigem Licht. Es gab keinen festen Rundgang; die digitalen Kunstwerke wanderten selbstständig durch die Gänge, verließen einen Raum, flossen über die Korridore und traten mit anderen Werken in Interaktion. Wir standen unter gewaltigen, rauschenden Lichtwasserfällen, deren leuchtende Ströme sofort um unsere Füße herumflossen, sobald man die Wand berührte. Im nächsten Gewölbe glitten riesige, aus bunten Blumen bestehende digitale Wale majestätisch über unsere Köpfe hinweg durch den schwarzen Raum. In einer anderen Halle hüpften Besucher auf einem elastischen Trampolinboden, auf dem jeder einzelne Sprung unter den Sohlen die Geburt und kosmische Explosion ganzer Sternennebel auslöste. Am tiefsten berührte uns jedoch der verspiegelte „Floating Flower Garden“: Tausende echte, lebendige Orchideen hingen dort an feinen Fäden dicht an dicht von der Decke herab. Sobald man sich dem Blütenvorhang näherte, reagierten die Pflanzen wie durch Zauberhand: Langsam und lautlos schwebten die Orchideen vor uns in die Höhe, gaben einen schmalen Pfad frei und senkten sich hinter unserem Rücken sofort wieder bis zum Boden herab, sodass wir vollkommen eingeschlossen in einer schwebenden, duftenden Wolke aus echten Blüten und unendlichen Spiegelungen standen. Es war ein vollkommener, schwereloser Rausch der Sinne.

Als wir aus dieser digitalen Traumwelt wieder an die kühle Nachtluft traten und mit der Bahn zurück nach Takadanobaba rollten, zeigten die Uhren bereits fast 23:00 Uhr. Sämtliche traditionellen japanischen Garküchen im Viertel hatten ihre Rollläden zu dieser späten Stunde längst heruntergelassen. Doch das Schicksal meinte es gut mit uns: In einer Seitenstraße brannte noch das warme Licht eines authentischen englischen Pubs. Wir schlüpften hinein und bekamen zu später Stunde noch eine große Portion frisch frittierter, krachend knuspriger Fish and Chips auf Zeitungspapier serviert. Rundum glücklich stiegen wir danach in den zwölften Stock unseres Hotels hinauf und sanken in die Kissen.

25. März 2026: Der Barock der Shogune und die Nebel von Nikkō

Abfahrt Punkt 7:00 Uhr. Noch vor dem ersten Hahnenschrei fanden wir uns am Frühstücksbuffet des Hotels ein, wo sich unseren Augen ein wahrhaft opulenter Anblick bot. Zwischen den üblichen Schüsseln funkelten tiefe Schalen voller glänzender Fischeier im Licht: leuchtend roter Lachsrogen, feinster schwarzer Kaviar und schimmernde goldene Perlen. Mein Unplüschiger trat heran, musterte die Auslage lange und zog sich schließlich mit vornehmer Zurückhaltung wieder zurück.

„Ich habe einfach ein schlechtes Gewissen, den Japanern das alles am frühen Morgen schon wegzufuttern“, erklärte er mir leise.

Mit gutem Gewissen, aber ohne Kaviar im Magen, stürzten wir uns hinab in den morgendlichen U-Bahn-Schacht. Was sich dort unten in der Tokioter Rushhour abspielte, ließ selbst die geschäftigsten Londoner Pendlerstationen zur Hauptverkehrszeit wie beschauliche ländliche Provinzbahnhöfe wirken. Wir ließen uns vom endlosen Menschenstrom bis zum Bahnhof Shinjuku treiben, wechselten dort das Gleis und bestiegen ein wahres Glanzstück moderner Eisenbahnkultur: den Spacia X der privaten Tobu-Nikko-Linie. Dieser hochmoderne Luxus-Expresszug empfing uns mit dem Ambiente einer edlen Lounge. Sobald die Fahrt begann, fraß sich der Triebwagen auf der 94,5 Kilometer langen Kapspurstrecke unaufhaltsam nach Norden. Je weiter wir die Metropole hinter uns ließen, desto steiler wurde das Gelände: Mit bis zu 25 Promille Steigung kletterte der Zug insgesamt 417 Höhenmeter hinauf in die dichten, nebelverhangenen Bergwälder von Nikkō.

Vom dortigen Talbahnhof war es nicht mehr weit bis zum Eingang des weitläufigen Weltkulturerbebezirks. Über den wild schäumenden, smaragdgrünen Gebirgsfluss Daiya spannt sich dort in kühnem Bogen die heilige, leuchtend zinnoberrot lackierte Shinkyo-Holzbrücke. Einer alten Legende aus dem 8. Jahrhundert zufolge stand der buddhistische Pioniermönch Shōdō Shōnin einst ratlos an diesem reißenden Ufer, bis plötzlich zwei riesige, rote und blaue Schlangen aus den Fluten stiegen, sich über den Abgrund wanden und ihre Rücken mit dichtem Schilfgras bedeckten, um dem Heiligen den Übergang zu ermöglichen.

Wir nutzten die benachbarte profane Straßenbrücke und tauchten unter die gewaltigen, jahrhundertealten Sicheltannen des Tempelwaldes ein. Bevor wir die eigentlichen Heiligtümer betraten, unterzogen wir uns der traditionellen Reinigung: An den hölzernen Temizuya-Wasserpavillons spülte mein Träger mit langstieligen Bambuskellen die Hände, bevor wir an den großen, bronzenen Räucherbecken anhielten und uns mit den Händen den schweren, weihrauchartigen Qualm der glimmenden Senkō-Räucherstäbchen zur geistigen Läuterung über den Kopf und meine Plüschohren fächerten.

Unser erster Besuch galt dem ehrwürdigen Rinnō-ji-Tempel. In dessen gewaltiger Haupthalle, der Sanbutsudō, herrschte erhabene Stille. Aus dem Halbdunkel ragten drei gigantische, jeweils siebeneinhalb Meter hohe und vollständig mit Blattgold überzogene Holzstatuen vor uns auf, welche die drei heiligen Berggipfel von Nikkō in buddhistischer Gestalt verkörpern.

Man muss aus dieser stillen Halle nur wenige Schritte weiter durch den Wald gehen, und schon betritt man eine völlig andere architektonische Welt: das Areal des Nikkō Tōshōgū. Hier ruht der mächtige Reichseiniger und erste Shogun Tokugawa Ieyasu in seinem Waldschrein. Während die japanische Baukunst sonst in fast allen Landesteilen durch vornehme Schlichtheit, unbemaltes Holz und stille Zurückhaltung besticht, explodiert an diesem Ort ein schier überbordender, verschwenderischer Barock. Fünfzehntausend der besten Handwerker des Landes hatten hier einst zweieinhalb Millionen Blatt reines Gold verarbeitet. Vor dem berühmten Yōmeimon – dem „Tor des Sonnenlichts“ – wusste man gar nicht, wohin man zuerst blicken sollte: Unter dem strahlend weißen und goldenen Gebälk drängten sich über 500 meisterhaft aus dem Holz geschnitzte, bunt bemalte Fabelwesen, Drachen, Blumen und chinesische Weise. Ein Stück weiter an der schlichteren Holzwand des heiligen Pferdestalls blieben wir vor einer Schnitzerei stehen, die buchstäblich jedes Kind auf diesem Planeten kennt: Dort am Gebälk prangte das historische Originalrelief der „Drei Weisen Affen“, die sich mit ihren Pelzhänden Augen, Ohren und Mund zuhalten, um nichts Böses zu sehen, zu hören oder auszusprechen.

So viel goldener Prunk in der kühlen Bergluft zehrte an den Kräften. Zur Mittagszeit kehrten wir in ein gemütliches Gasthaus ein und wärmten uns an einer tiefen Schale heißer Buchweizen-Soba-Nudeln, auf deren klarer Brühe ein gewaltiges, krachend kross ausgebackenes Krabbentempura thronte.

Frisch gestärkt stiegen wir am Nachmittag wieder in den uralten Bergwald hinauf und erreichten den Futarasan-Schrein, der seit Urzeiten den drei mächtigen Naturgottheiten der umliegenden Vulkangipfel geweiht ist. Auf dem Vorplatz scharten sich die Gläubigen um eine glänzende, goldene Hasenstatue und rieben ihr unermüdlich über das Metallfell, um himmlischen Segen für eine robuste Gesundheit zu erbitten. Gleich nebenan schritten wir durch die Tore des Taiyū-in-Mausoleums. Hier hatte sich der dritte Tokugawa-Shogun Iemitsu aus tiefem Respekt vor seinem großen Großvater Ieyasu eine letzte Ruhestätte errichten lassen, die bewusst ein klein wenig schlichter gehalten ist, dafür aber mit ihren dunkelrot und schwarz-golden lackierten Holztoren noch viel harmonischer und mystischer mit den moosbewachsenen Felsen und den himmelhohen Zedern des Bergwaldes verschmilzt. Am Rande des steilen Steinpfades entdeckten wir an den kahlen Zweigen ein erstes botanisches Wunder des Bergfrühlings: Dort blühten in leuchtendem Gelb die zarten, kräuseligen Blütenfäden der Japanischen Zaubernuss, der Hamamelis japonica.

Als wir am späten Nachmittag aus dem Dämmerlicht der heiligen Wälder wieder an die Hauptstraße traten, um mit dem örtlichen Linienbus zurück zum Bahnhof zu rollen, schlug die japanische Verkehrsrealität gnadenlos zu. Der erwartete Bus tauchte zwar pünktlich aus der Kurve auf, war jedoch durch die Ausflügler bereits bis unter das Dach vollgequetscht. Ohne auch nur das Tempo zu drosseln, rauschte der Fahrer mit stoischer Miene an unserer winkenden Reisegruppe vorbei. Unser sonst so beherrschter Reiseleiter stand für einen Moment völlig fassungslos am Straßenrand, doch wir nahmen das Missgeschick mit trockenem Galgenhumor und legten den gesamten steilen Weg hinab ins Tal kurzerhand im Eilmarsch zu Fuß zurück.

Wir erreichten unseren Expresszug noch rechtzeitig und glitten zurück in die Hauptstadt. Doch als wir in Tokio am Bahnhof Takadanobaba aus dem Waggon traten, empfing uns die Nacht mit einem wahrhaft biblischen Wolkenbruch. Ein peitschender Regensturm fegte durch die Häuserschluchten und verwandelte die Straßen binnen Minuten in reißende Bäche. Da der Hunger jedoch stärker war als die Furcht vor dem Wasser, zogen wir die Kapuzen tief ins Gesicht und stapften tapfer 500 Meter weit durch die strömenden Fluten bis zu unserem bewährten Curryladen. Auf dem nächtlichen Rückweg schlüpften wir zum Trocknen noch kurz in einen hell erleuchteten Supermarkt. Vor dem Marmeladenregal blieben wir staunend stehen: Dort wurden riesige, bauchige Einmachgläser voller dunkler Heidelbeermarmelade feilgeboten, deren schiere Dimensionen unweigerlich an großangelegte heimatliche Einkochaktionen im Spätsommer erinnerten. Oben im Hotelzimmer gönnte sich mein Unplüschiger nach diesem nassen Gewaltmarsch noch ein wärmendes Glas süßen Pflaumenwein, bevor wir rechtschaffen müde in die Kissen sanken.

26. März 2026: Das Reich der Giganten und der Gesang des Regens (Tokio II)

Um 8:30 Uhr morgens brachen wir zu unserem allerletzten vollen Expeditionstag in der Megacity auf. Unten im U-Bahn-Schacht erwartete uns heute die ultimative Steigerung des Vortages: Die elektronischen Anzeigen meldeten für unsere Linie eine offizielle Auslastung von 105 Prozent. Als der Zug am Bahnsteig hielt, schien kein einziges Blatt Papier mehr zwischen die Schultern der Passagiere zu passen. Doch für genau diesen Fall hält die Tokioter Verkehrsgesellschaft ihre berühmten Oshiya bereit: Uniformierte Bahnbedienstete in tadellosen schneeweißen Stoffhandschuhen traten an die offenen Waggontüren und drückten die überhängenden Fahrgäste mit geübten, erstaunlich sanften, aber unerbittlich bestimmten Handgriffen so lange tiefer in das Wageninnere hinein, bis die automatischen Schiebetüren haarscharf hinter den Rücken zuschnappen konnten. Ich zog im Rucksack schleunigst meine Plüschohren ein und machte mich an der Brust meines Trägers so flach wie eine Briefmarke.

Lebendig und am Stück wieder ausgepackt, erreichten wir an der Bucht unser erstes Tagesziel: den gigantischen Toyosu-Großmarkt. Nach dem Umzug des legendären alten Tsukiji-Marktes schlägt in diesen hochmodernen Hallen heute das Herz des größten Fisch- und Meeresfrüchteumschlagplatzes der gesamten Erde. Über 600 lizenzierte Großhändler bewegen hier jeden Morgen unvorstellbare Mengen aus allen Weltmeeren. Von langen, verglasten Besuchergalerien im Obergeschoss blickten wir hinab in die unterkühlten Auktionshallen, in denen zuvor die zentnerschweren, tiefgefrorenen Riesenthunfische unter den geheimen Handzeichen der Aufkäufer versteigert worden waren. In den angrenzenden Restaurantzeilen herrschte bereits Hochbetrieb: An winzigen Sushi-Bars filetierten die Meister hinter der Theke den fangfrischen Fisch mit langen Klingen direkt vor den Augen der hungrigen Gäste. Als wir die Hallen später wieder verließen, hatte sich der Regen vom Vorabend erneut über der Stadt festgesetzt; Tausende bunte und durchsichtige Regenschirme wogten wie ein endloses, tanzendes Plastikmeer über die nassen Bürgersteige.

Wir ließen uns die Laune vom Nass nicht verderben und streiften unverdrossen weiter durch die Viertel der Hauptstadt. Unser Weg führte uns vorbei an schwindelerregenden, im Regen spiegelnden modernen Glasfassaden, durch trockene, überdachte Einkaufspassagen voller kleiner Fachgeschäfte und immer wieder zu verborgenen traditionellen Schreinen, deren kunstvoll getriebene und grün patinierte Kupfertore stumm zwischen den Hochhäusern wachten. Als die Wassermassen vom Himmel am Nachmittag nochmals zulegten, boten uns die großen, traditionsreichen Kaufhäuser der Innenstadt willkommene Zuflucht. Wir stiegen hinab in das kulinarische Schlaraffenland der Untergeschosse – die berühmten Depachika. Unter funkelnden Kronleuchtern reihte sich dort eine gläserne Feinkostvitrine an die nächste: Wie in einem Juweliergeschäft türmten sich bis ins kleinste Detail von Hand gefertigte Bento-Boxen, millimetergenau verzierte Sahnetorten, edle Pralinen und erlesene Meeresfrüchte zu kunstvollen Pyramiden.

Den letzten Abend unserer großen Reise begingen wir schließlich ganz ohne falschen Pomp dort, wo Japans Herz am ehrlichsten schlägt: in einer kleinen, herrlich warmen Ramen-Bar. Während draußen vor der beschlagenen Scheibe der Regen gegen den Asphalt trommelte, löffelten wir uns durch eine kräftige, goldgelbe Hühnerbrühe mit frischen grünen Frühlingszwiebeln und teilten uns zum Abschied noch einen Teller frisch aus der Pfanne kommender, krachend knuspriger Gyoza-Teigtaschen.

27. & 28. März 2026: Die Heimkehr des Weltenbummlers

Der Tag des großen Aufbruchs begann erfreulich unhektisch. Während mein Unplüschiger in aller Ruhe die letzten Siebensachen in den Koffern verstaute, blickte ich aus unserem Fenster im zwölften Stockwerk hinab auf die große Straßenkreuzung von Takadanobaba. Unten bot sich zum Abschied noch einmal ein Lehrstück japanischer Koordination: Rettungsdienst und rote Löschfahrzeuge der Feuerwehr rückten mit blinkenden Lichtern zu einem Einsatz an. Kein hektisches Geschrei, kein chaotisches Blockieren der Fahrbahn – jeder Handgriff der behelmten Mannschaften saß wie ein einstudierter Tanz. Da bis zur Abfahrt noch etwas Zeit blieb, unternahmen wir einen letzten kurzen Spaziergang um den Block und blieben fasziniert vor der Einfahrt einer vollautomatischen Tiefgarage stehen. Die Autos wurden dort auf einen runden stählernen Drehteller gefahren und verschwanden per Aufzug wie von Geisterhand im Untergrund. Ein Blick auf das Warnschild am Tor verriet allerdings die gnadenlose Grenze des Systems: Die maximale Durchfahrtshöhe betrug exakt 1,55 Meter – ein Maß, das buchstäblich jedem mitteleuropäischen Stadtgeländewagen beim Einfahren sofort das Blechdach kaltverformt hätte.

Gegen Mittag holte uns unser Reiseleiter am Hotel ab und begleitete uns auf der letzten Etappe durch die Stadt bis zum Bahnsteig der Tokyo Monorail. Wir verabschiedeten uns herzlich, stiegen ein, und schon glitt die Einschienenschnellbahn auf ihren leisen Gummirädern hoch über dem Betonband und den Hafenbecken hinaus zum Flughafen Tokio-Haneda. Nach der reibungslosen Gepäckabgabe überkam meinen Träger in der Abflughalle ein plötzliches Gelüst nach westlicher Teigware, und wir kehrten in ein Restaurant ein, das auf seiner Karte original italienische Pizza anpries. Was wenig später auf dem Teller lag, konnte man zwar problemlos verzehren, das geschmackliche Resultat bestärkte uns jedoch nachhaltig in der tiefen Erkenntnis, dass die japanischen Köche ihr begnadetes kulinarisches Talent auch künftig lieber ungeteilt auf Sushi und Ramen konzentrieren sollten.

Pünktlich auf die Minute hob unsere mächtige Boeing der Cathay Pacific vom Tokioter Asphalt ab und nahm Kurs nach Südwesten. Über den Wolken verwöhnte uns die Bordküche mit zart geschmortem Rindfleisch samt ehrlichen Kartoffeln, während das überraschend stabile Satelliteninternet an Bord dafür sorgte, dass mein Unplüschiger auch in zehntausend Metern Höhe den Kontakt zur Bodenwelt nicht verlor. Da uns kräftige Höhenwinde etwas zu flott vorangeschoben hatten, trafen wir vor der geplanten Zeit im Luftraum von Hongkong ein. Der Kapitän legte die Maschine sanft auf die Seite, und wir drehten im goldenen Nachmittagslicht noch eine gemächliche, weite Warteschleife hoch über dem glitzernden Inselgewirr des Südchinesischen Meeres.

Nach der Landung in Hongkong lagen einige Stunden Aufenthalt bis zu unserem Mitternachtsflug nach Europa vor uns. Wie schon auf der Hinreise vertrieben wir uns die Wartezeit auf unserem liebgewonnenen Logenplatz hoch oben auf der gläsernen Skybridge und sahen den hell erleuchteten Riesenvögeln unter unseren Sohlen beim Rollen zu. Um Mitternacht bestiegen wir schließlich den Langstreckenflieger nach Frankfurt. Mitten in der tiefsten Nacht, gegen 3:00 Uhr morgens Bordzeit, rüttelten die Flugbegleiterinnen die dösenden Passagiere noch einmal wach und servierten unerbittlich eine komplette warme Mahlzeit, bevor die Kabinenlichter endgültig erloschen und das gesamte Flugzeug für den Rest des Weges über den asiatischen Kontinent in einen tiefen, kollektiven Erschöpfungsschlaf versank.

Dank günstiger Rückenwinde setzten die Räder unserer Maschine am Morgen des 28. März bereits deutlich vor 6:00 Uhr früh wieder auf dem Beton von Frankfurt am Main auf. Die Einreise und die Kofferausgabe liefen wie am Schnürchen, sodass wir am Fernbahnhof mühelos einen deutlich früheren ICE in Richtung Leipzig erreichten als ursprünglich geplant. Wir sanken zufrieden in die Polster und freuten uns auf die rasche Heimkehr.

Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Kaum hatten wir wieder heimatlichen Boden unter den Füßen und Tatzen, holte uns die ungeschminkte Realität der Deutschen Bahn nach zwei Wochen japanischer Schienenperfektion mit der Wucht eines Vorschlaghammers ein. Die offizielle Abfahrtszeit verstrich – doch nichts geschah. Geschlagene 45 Minuten lang stand unser Hochgeschwindigkeitszug vollkommen regungslos im Frankfurter Bahnhof, ohne dass sich ein einziges Rad drehte.

Als sich der Koloss endlich schwerfällig in Bewegung setzte, nahm das eigentliche Drama auf freier Strecke erst richtig Fahrt auf. Zunächst bremsten uns vorausfahrende, ebenfalls hoffnungslos verspätete Züge auf Schrittgeschwindigkeit aus. Kaum war die Trasse wieder frei, folgte die nächste Durchsage aus dem Lautsprecher: Ein entlaufener Hund irrte irgendwo vor uns vergnügt durch das Gleisbett und legte den gesamten Fernverkehr lahm. Als wäre das noch nicht genug der Sabotage, erlitt unser stolzer ICE wenig später auf offener Strecke einen kompletten Systemabsturz des zentralen Bordcomputers. Mitten in der Landschaft hielt der Zug an, sämtliche Lichter und Lüftungen erloschen, und der geplagte Lokführer musste das gesamte Triebfahrzeug wie einen störrischen Heimcomputer erst einmal komplett herunterfahren und neu starten. Zu allem Überfluss kapitulierte kurz darauf auch noch die gastronomische Versorgung: Wegen hoffnungsloser Überfüllung verriegelte das Personal kurzerhand die Türen des Bordrestaurants. Als wir schließlich mit gewaltiger Verspätung in die Halle des Leipziger Hauptbahnhofs einrollten, sahen wir gerade noch die roten Schlusslichter unseres Anschlusszuges nach Chemnitz in der Ferne verschwinden – wir hatten ihn um exakt fünf Minuten verpasst.

Nach einer Stunde unfreiwilliger Wartezeit auf dem zugigen Leipziger Bahnsteig zeigte sich jedoch ein unerwarteter Silberstreif am Horizont. Für die Weiterfahrt stellte die Mitteldeutsche Regiobahn heute nicht die üblichen betagten Dieselwagen bereit, sondern rollte mit einem nagelneuen, hochmodernen Akkuzug an die Kante. Dank unserer Fahrkarten ließen wir uns im angenehm ruhigen und luftigen Abteil der ersten Klasse nieder, während sich die bemitleidenswerten Pendler im Nachbarabteil der zweiten Klasse bis an die Scheiben dicht gedrängt im Stehen stapelten. Kurz hinter Bad Lausick erspähte mein Unplüschiger durch das Fenster am Gleisrand noch eine optische Geschwindigkeitsmessanlage für Schienenfahrzeuge, bevor unser Zug nach einer über siebenstündigen deutschen Bahnodyssee endlich in den heimatlichen Hauptbahnhof von Chemnitz einrollte.

Wenige Minuten später schloss sich unsere Wohnungstür hinter uns. Mein Unplüschiger stellte den Rucksack ab und zog den Reißverschluss ganz weit auf. Ich kletterte ans Licht, streckte alle vier Glieder von mir, schüttelte mein vom langen Sitzen plattgedrücktes Plüschfell einmal gründlich aus und bezog ohne Umwege meinen angestammten Ehrenplatz auf den weichen Kissen des heimischen Sofas.


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